Norden 2019

Der Regen bringt Tiere

Blaesodactylus ambonihazo
Blaesodactylus ambonihazo

In der Nacht hat es stundenlang geregnet. Nein, eigentlich hat es geschüttet. Das habe ich hier im Trockenwald zum Ende der Regenzeit noch nicht erlebt. Regen war hier, wenn ich da war, überhaupt eher selten. Als die Hähne zu krähen beginnen, schlafe ich gerade ein. Wenig später werde ich geweckt und wandele etwas schlaftrunken zum Frühstück hinüber. Die Coquerel-Sifakas sind auch schon wach, eine kleine Familie springt über dem Klo- und Duschhäuschen herum.

Als die Guides sich zum Frühstück gesellen – es gibt Ananas-Bananen-Obstsalat, herzhafte Crepes mit Zwiebeln und gezuckerte Fluffnupsis – wird erst einmal der eigentliche Plan für heute abgesagt. In die Ambalabongo-Schlucht können wir nach dem starken Regen der Nacht nicht hinuntersteigen. Der Sand verwandelt sich nach starken Regenfällen häufig zu Treibsand, es wäre zu gefährlich. Wir beschließen, den Besuch der Savanne und der Schlucht auszulassen, heute aber trotzdem die andere Seite des Waldes zu besuchen. Ich hole aus dem Restaurant eine Flasche Cola, fülle meine Chilly Bottle und packe noch eine Flasche Eau Vive auf den Rucksack obendrauf.

Ankarafantsika
Der Campground in Ankarafantsika

Heute gehen wir alle zusammen in einer Gruppe, so viele sind wir ja nicht. Wir schaffen es allerdings in den ersten zwei Stunden nicht einmal über den Rand des Campgrounds hinaus. In der Ecke, wo ein paar Stufen zum Sandpfad im Wald führen, entdeckt Ndrema kleine, goldgrüne Frösche (Boophis tephraeomystax) auf irgendwelchen Pflanzen. Sie stehen mitten im Müll. Eine alte Sandale, ein Stück Rucksack und diverser Plastikschrott liegt im Lehm auf dem Boden. Das stört einige winzige braune Fröschchen aber nicht, sie hüpfen einem beim Laufen unter den Füßen davon. Corinne entdeckt derweil ein paar Geckos an einem abgebrochenen Baumstumpf neben einem Tümpel. Markus hat am Tümpel selbst zwei Eisvögel entdeckt, die auf Schilfhalmen sitzen. Leider im Schatten, da erwischt man hier unter den Bäumen eher kein gutes Foto.

Schließlich laufen wir los. Wieder kommen wir nicht sonderlich weit. Immerhin sind wir aber noch so nah am Camp, dass der ein oder andere zum Austreten einfach zurück zum Sanitärhäuschen läuft. Als Tanala Dimby irritiert fragt, wo denn ein gewisser Gast – ich nenne ihn vorläufig Em – hin sei, lautet die schulterzuckende und mit wundervollem madagassischen Akzent auf Deutsch vorgetragene Antwort nur: „Kacken?“ Gut, ist mehr Situationskomik. Findet man wahrscheinlich nicht lustig, wenn man nicht dabei war. War aber enorm lustig, das kann ich schon mal versichern.

Nach nicht einmal 200 Metern sind die ersten Furcifer rhinoceratus gefunden, und sie sind wirklich wunderhübsch. Offenbar hat der Regen in der Nacht die Aktivität der Reptilien auf ein Höchstmaß gebracht. Das zweite Weibchen von Furcifer rhinoceratus sitzt in Fußhöhe auf einer gebogenen Wurzel, es hat noch einen kleinen Häutungsrest auf der Nase. Ein Jungtier der Art sitzt weiter vorne links am Weg. Ein paar Meter weiter gibt es einen kleinen Madagaskarleguan, der neugierig an einem Baumstamm in Kopfhöhe sitzt. Er lässt mich äußerst geduldig mein Fisheye-Objektiv austesten, mit dem ich wirklich sehr, sehr nah an meine Motive heranrücken muss. Für den richtigen Abstand muss ich dem kleinen Leguan fast mit der Linse an die Nase tippen. Nach guten zwei Stunden, vielleicht waren es auch drei, geht es weiter. In gemütlichstem Schlendergang wandern wir sandige Stufen nach oben einen Hügel hinauf.

Markus entdeckt das erste ausgewachsene Männchen von Furcifer rhinoceratus kurz vor einer Wegkreuzung. Es läuft ihm am Boden fast über die Füße. Etwas später ist klar, was der wunderschön bunt gefärbte Kerl da wollte: Ein trächtiges Weibchen gräbt gerade ein Loch am Wegesrand, um ihre Eier abzulegen. Sie stöbert beim Graben eine Schlupfwespe auf, die offenbar im sandigen Boden versteckt saß. Die Schlupfwespe fliegt aufgeregt immer wieder in die Höhle, aber das Chamäleonweibchen lässt sich nicht vertreiben und gräbt seelenruhig weiter. Anscheinend kann das dazugehörige Männchen es gar nicht abwarten, die letzte Gelegenheit der Regensaison noch auszunutzen. Ein weiteres Weibchen sitzt nur unweit entfernt im Geäst – ihr zeigt das Männlein auch gerne seine schönsten Farben. Und er kann nicht nur Grau – in Gelb, Grün und Hellblau zeigt er sich, ein wirklich fantastisches Tier.

Furcifer rhinoceratus
Furcifer rhinoceratus

Im Sand mitten auf der Weggabelung im Sand entdeckt Ndrema noch etwas anderes, weniger schönes: Einen Metallpfeil, am Ende mit Baumwolle beschwert. Solche Pfeile werden für die – natürlich illegale – Jagd auf Lemuren hier im Wald verwendet. Der Pfeil ist zwar etwas angerostet, aber mit Sicherheit in dieser Regensaison zuletzt benutzt worden. Ein eher trauriger, aber leider sehr realer Fund. Wo Menschen bitterarm sind, suchen sie sich eben ihr Essen auch im Wald. Und wer schützt auf Madagaskar schon die Grenzen eines Nationalparks…

Ein bisschen in Gedanken versunken laufe ich weiter. Ndrema lässt die ganze Zeit Vogelstimmen auf dem Handy laufen, die er mehrheitlich selbst im Wald aufgenommen hat. Tatsächlich kann er damit offenbar Vögel anlocken. Ein Spitzschopf-Seidenkuckuck sitzt plötzlich nur drei Meter entfernt vor Tanala auf einem Ast. Ich schleiche mich daneben und kann ein schnelles Foto schießen, bevor der flinke Vogel etwas tiefer ins Gebüsch hinein springt. Der Seidenkuckuck ist genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Ndrema versucht es mit Warnrufen von Paradiesschnäppern. Zu meinem Erstaunen klappt das Anlocken der Vögel damit gut – prompt erscheinen mehrere Paradiesschnäpper, darunter ein „untypisch“ rot gefärbtes Männchen, das nur an seinem außergewöhnlich langem Federschwanz zu erkennen ist. Eigentlich sind die Männchen bläulich-weiß und schwarz gefärbt.

Wir laufen einen Hügel nach oben, folgen einigen Stufen und landen zwischen einigen alten, teils hohlen Baumstämmen mitten im Trockenwald. Im Inneren eines hohlen Stammes steckt ein Blaesodactylus ambonihazo, ein Gecko. Um ein Foto von ihm zu erwischen, krieche ich rechts vom Baum durchs Gebüsch, komme aber trotzdem irgendwie nicht so richtig an den Baum heran. Zu dicht ist das Gestrüpp. Macht aber nichts, denn Ndrema hat derweil auf der anderen Seite des Weges, vielleicht fünfzehn Meter entfernt, einen anderen Gecko der gleichen Art entdeckt. Und der sitzt wesentlich fotogener, ebenfalls in einem hohlen Baumstamm, aber viel niedriger. Und er bewegt sich trotz der „Zuschauer“ nicht weg, was eigentlich typisch für diese Geckos ist. Scheinbar hat der Regen in der Nacht die Geckos weiter nach unten in die Bäume gescheucht. José findet auf halbem Weg noch einen dritten Blaesodactylus ambonihazo, auch dieser in einem toten Baumstamm sitzend, und ebenfalls auf gut fotografierbarer Höhe. Am gleichen Baum gibt es noch etwas kleineres, aber hübsches zu entdecken: Die kleinen lustigen Insekten mit den weißen „Haaren“. Leider vergesse ich vor lauter Begeisterung über die wunderschönen Geckos dann die Insekten.

Blaesodactylus ambonihazo
Blaesodactylus ambonihazo

Schließlich erreichen wir den geraden, sehr breiten und sandigen Weg direkt zur Schlucht bzw. zum Waldrand. Die Vegetation ist hier niedriger und es ist bereits unglaublich heiß. Mir läuft der Schweiß schon wieder von der Stirn. Demokratisch stimmen wir darüber ab, ob wir wirklich durch die Savanne bis an den Rand der Schlucht laufen wollen, um einen Blick von oben hinein zu werfen. Man entscheidet sich dagegen (was mich ein bisschen freut, mir läuft der Schweiß auch ohne die brennende Savanne wirklich schon in Strömen). Also treten wir langsam den Rückweg an. Mitten auf einer Kreuzung breiter Sandwege findet Philipp an einem Blatt eine kleine Gottesanbeterin, die direkt über einer soeben frisch geschlüpften Oothek sitzt. Gut 50 winzige Gottesanbeterinnen sitzen wie kleine Soldaten aufgereiht nebeneinander unter und auf zwei Blättern, an denen die Oothek noch hängt. Auch hier hat der Regen zugeschlagen – bei Trockenheit schlüpfen die Insekten nicht. Die adulte Mantide trägt ein beeindruckendes Rückenschild und ist überhaupt nicht nervös und hektisch, wie es Mantiden beim Fotografieren gerne werden. Einige aus der Gruppe gehen schon vor Richtung Camp, der Bierdurst spornt an.

Ich bleibe noch mit ein paar anderen. Irgendwann müssen wir das Fotografieren jedoch einstellen – sweat flies versuchen ausgiebig, uns bei lebendigem Leib aufzuessen. Als ich meinen Rucksack von der provisorischen Bank aus Baumstamm und Betonstützen herunter nehme, atme ich eine sweat flie ein. Und huste sie direkt wieder aus. Zügig folge ich den anderen zurück in Richtung Camp, zuerst den sanft abfallenden Sandweg entlang, dann die Treppen am Aussichtspunkt vorbei nach unten. Ich halte nur kurz am Aussichtspunkt an – die Aussicht hat sich nicht verändert. Marco will noch mit der Drohne fliegen, das muss ich mir nicht unbedingt angucken. Zusammen mit Corinne und Martin folge ich dem Weg noch weitere Stufen nach unten und noch einen guten Kilometer bis zum Camp. Unterwegs entdecken wir noch einen merkwürdig geformten Spinnenkokon, aus dem gerade Spiderlinge geschlüpft sind. An jeder Wegkreuzung malt Corinne Pfeile mit einem Stöckchen in den Sand, damit auch die anderen sicher zurück finden. Ich bin mir fast sicher, dass Dimby den Weg auch so kennt. Wenn ich ihn schon im Schlaf laufen kann, dann er ganz bestimmt auch.

Ankarafantsika
Aussicht über den Trockenwald von Ankarafantsika

Insgesamt haben wir rund zwanzig Furcifer rhinoceratus heute gefunden – was ein erfolgreicher Tag! Ich denke, der starke Regen in der Nacht hatte seinen Anteil daran. Im Camp warten schon alle, die vorhin beim Mantiden fotografieren vorgegangen sind. Es gibt ein spätes Mittagessen mit echtem Käse aus Antsirabe (Tiko ist wieder da!), einer Art Rinderragout und Reis. Das gekühlte Fresh, frisch aus dem Kühlschrank des angrenzenden Restaurants, tut einfach nur gut.

Furcifer oustaleti
Furcifer oustaleti– Roadkill

Am späten Nachmittag brechen Marco, Markus, Philipp und ich nochmal mit Ndrema auf. Es soll hier eine andere Unterart bestimmter Taggeckos geben, Phelsuma lineata bombetokensis. Allerdings nicht überall hier im Trockenwald, sondern nur an ganz bestimmten Stellen. Wir laufen entlang der Asphaltstraße bis zu einer Zitronenplantage mit erstaunlich niedrig gemähtem Gras. Unterwegs entdecken wir ein platt gefahrenes Furcifer oustaleti am Straßenrand, dessen eine Körperhälfte grotesk vom Boden absteht.

Einen Hang geht es nach unten, dann stehen wir vor einige riesigen Raphiapalmen direkt am See Ravelobe. Allerdings ist nur eine der Palmen tatsächlich zugänglich. Die übrigen stehen im Wasser, durch das irgendwie keiner von uns waten möchte. Krokodile und so. Wir stapfen stattdessen lieber am wenig übersichtlichen Ufer herum, dessen feuchter Boden von alten Palmblättern bedeckt ist.

Ankarafantsika
Raphiapalmen

Direkt am Fuß der riesigen, alten Raphiapalme entdecke ich schuppige Haut zwischen dem Grün. Eine alte Madagaskarboa, Sanzinia madagascariensis, hat sich hier zu einem Schläfchen eingefunden. Sie ist groß und offenbar schon ein älteres Modell, das sich sehr geduldig fotografieren lässt. Von der großen Palme aus reicht außerdem ein riesenhaftes Spinnennetz an einen Busch am Ufer hinüber – mittendrin prangt eine über handtellergroße Trichonephila. Tatsächlich entdecken wir aber auch die gesuchten Taggeckos. Zwei oder drei flitzen unheimlich weit oben in der Palme herum. Nur einer ist neugierig genug, weiter nach unten zu kommen. Ein etwas übermotivierter Ndrema springt daraufhin los und drischt auf einen niedrigen Palmwedel ein – was den Gecko lediglich dazu veranlasst, tiefer ins Grün zu verschwinden. Nunja. Wir können ihn leider auch nur schwer überzeugen, wieder heraus zu kommen. Aber immerhin – gefunden haben wir die Geckos.

So nah am Wasser ist es unglaublich heiß und stickig. Schon nach nur einer halben Stunde flüchte ich wieder den Hang nach oben und zwischen den knorrigen, gedrungenden Zitronenbäumchen zur Straße. Direkt kühler hier! Auf dem Rückweg ist das Furcifer oustaleti von Vorhin noch platter. Jetzt steht gar nichts mehr ab, es ist nur noch eine wenige Millimeter dicke Schicht auf dem heißen Asphalt.

Eigentlich wollte ich noch duschen gehen, aber die achtbeinigen Besetzer der Duschen sind unverändert vorhanden. Ich beschließe todesmutig, einfach bei sperrangelweit offener Tür zu duschen. Was hinter der Tür sitzt, sehe ich damit nämlich nicht. Und dann ist es ja gefühlt auch nicht da. Psychologie ist so einfach. Wenn man beim Duschen ausschließlich auf den Boden guckt, sieht man auch nicht, was noch so an den Wänden herumwandert. Dafür findet man rostige Rasierklingen.

Sanzinia madagascariensis
Sanzinia madagascariensis

Zum Abendessen gibt es die Enten, die gestern noch lebend in der Küche gesessen haben. Sie leben allerdings nicht mehr, sondern befinden sich schmackhaft zubereitet in einer Sauce an Reis. Philipp rennt schon wieder auf dem Campground herum, erfreut sich an riesigen Wasserwanzen und sucht mit Ndrema gigantische Atomgrillen. Er erklärt auch ausgiebig, wie die Tierchen in Wirklichkeit heißen, ich weiß es nur nicht mehr. Die Atomgrillen waren zu laut. Laut sind dann auch die Gabelstreifenmakis, die den Abend mit ihren irre lauten Schreien ausklingen lassen. Ich würde ja gern mal einen sehen!

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 31 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.