Norden 2017

Madagaskars Chamäleonparadies

Calumma ambreense
Calumma ambreense

Ich habe super erholsam geschlafen. Allerdings fängt der Hahn, der wohl gestern im Dunkeln auf dem Dach eines Landcruisers vergessen wurde, schon um Fünf an zu krähen. Zu meinem Erstaunen wurde der Hahn nicht von der Fossa geholt, die hier gerne mal nachts um die Zelte schleicht. Eventuell ist daran der schwarze Hund beteiligt, der neuerdings im Wächterhäuschen schläft. Ich beschließe um halb sechs, den Köchen den Tipp zu geben, dass es heute Hähnchen geben könnte. Markus ist schon unterwegs und hat in einigen Drachenpalmen Phelsuma dorsivittata gefunden. Faszinierend! Letztes Jahr waren die Tierchen lange und erfolglos auf den Wanderungen im Regenwald von anderen Taggecko-Begeisterten gesucht worden. Neun frittierte Bananen und einen Crêpe später, den ich allerdings nicht mehr ganz schaffe, bin ich gut gerüstet für den Tag.

Die Chicken Group – unsere Gruppenbesetzung bleibt dieses Jahr durchgehend gleich –  soll mit Angeluc zum Lac vert, dem grünen See, aufbrechen. Weit kommen wir allerdings nicht. Wir sind noch nicht mal vom Campground runter, da kriecht Angeluc bereits auf allen Vieren auf dem Boden herum und findet prompt fünf Brookesia tuberculata. Einfach so. Und er freut sich drüber riesig, wie immer. Wie er die winzigen Erdchamäleons entdeckt hat, bleibt sein Geheimnis. Fast zwei Stunden fotografieren wir die Winzlinge und sind fasziniert von so kleinen Tieren, die genauso gut „funktionieren“ wie ihre großen Ebenbilder.

Im Schneckentempo bewegen wir uns auf den Hauptweg. Angeluc ist voll in seinem Element. Hier findet er einen Gecko, wenige Meter weiter eine Schlange. Ich kann gar nicht so schnell fotografieren, wie Angeluc Tiere findet. Außerdem liebt er es, einfach irgendwo ins Gebüsch zu zeigen und zu fragen: „Can you see it? It’s in the natural habitat! So beautiful!“ Als Angeluc dann auch noch irgendwelche Frösche findet, sind die schon auf Grund der Masse anderer Tiere uninteressant. Wir halten uns da lieber an die kleine Madagaskarboa oder das große, langsam über einen dicken Ast laufende Calumma ambreense. Hier gibt es noch einen Blattschwanzgecko und dort noch ein kleines Chamäleon. Im Zickzack laufe ich von Tier zu Tier, hier sitzt eines im Baum, und dort unter dem Blatt das nächste. Angeluc ist stetig einige Meter vor uns und findet quasi alle paar Minuten etwas Neues.

Plötzlich ruft er und deutet in die Bäume. Ein paar Meter über unseren Köpfen tummeln sich einige Sanford-Makis. Sie essen gerade kleine, grüne Früchte in einem Baum, und lassen sich von uns nur wenig stören. Mit den grauen Backenbärten sehen sie deutlich anders aus als die anderen Maki-Arten. Ein Jungtier ist besonders neugierig und krabbelt den Baumstamm herunter, um die Gruppe Zweibeiner unter sich genauer in Augenschein zu nehmen. Schnell ist er allerdings auch – bevor jemand ein gutes Foto schießen kann, ist der kleine Kerl wieder in die Baumkrone verschwunden.

Sanford-Maki
Ein neugieriger Sanford-Maki

Viele Tiere später erreiche ich mit den anderen die provisorischen, aus Erde und Ästen geformten Stufen zum grünen See. Heute regnet es nicht, so kann ich den See einmal bei gutem Wetter bewundern. Er liegt ganz still da, die Wasseroberfläche spiegelt die Bäume. Wir setzen uns an den Rand des Sees und genießen die Stille und Ruhe des Regenwaldes.

Nach einer ganzen Weile begeben wir uns auf den Rückweg. Ich vertrete mir in einem Loch im weichen Erdboden erstmal den Fuß. Macht aber hier nicht so viel, denn ich wollte sowieso auf dem Weg nach oben noch 360°-Aufnahmen machen. Und das klappt besser, wenn keiner mehr im Bild ist. Ich gehe also als letztes, die anderen verschwinden relativ zügig nach oben.

Sanzinia madagascariensis volontany

Als ich zum zehnten Mal mit der 360°-Kamera stehen bleibe, sie ins Gebüsch bugsiere und mich ein paar Meter davon entfernt ebenfalls ins Gebüsch wurstele, um eine schöne Aufnahme zu machen, höre ich Rufe. Angeluc ruft die Treppe herunter, ob alles ok sei? Und ob jemand Wasser bringen soll? „Nein danke, alles okeeheee hiiiiieeer!“, rufe ich zurück. Alles außer dem Fuß, aber ich schleiche ja eh dermaßen langsam, da macht das nichts. Ich beeile mich ein bisschen, die anderen einzuholen.

Regenwald im Nationalpark Montagne d’Ambre, Region Diana, Nord-Madagaskar, April 2017 – Spherical Image – RICOH THETA

Angeluc deutet in den inzwischen grauen, wolkenverhangenen Himmel. „Rain is coming! We should go back to the camp,“ stellt er relativ ruhig und immer noch grinsend fest. Ob wir eine Abkürzung nehmen wollen? Joa, naja, also gut. Angeluc folgt einem schmalen Pfad quer durch den Wald, der ziemlich steil bergab geht und direkt auf ein sehr breites Bachbett zuläuft. Eine Betonstufe läuft quer durch den Bach und lässt ihn wie einen kleinen Wasserfall nach unten rauschen. Genau auf der Kante balanciere ich Angeluc, Chrissi und Ines hinterher. Heute führt der Bach etwas mehr Wasser als sonst, so dass die drei Meter zu Fuß auf der Betonkante für eine kleine Überschwemmung in meinen Schuhen führen. Barfuß geht übrigens nicht, dafür ist der Beton zu glitschig.

Montagne d'Ambre
Irgendwo im Regenwald des Montagne d’Ambre

Die Abkürzung endet in der Nähe des Nachtwächter-Häuschens. Angeluc hat noch etwas entdeckt: Ein Blattschwanzgecko sitzt flach an einen Ast gedrückt an einem Baum direkt hinter dem Häuschen. Wie angekündigt beginnt es zu regnen. Erst nieselt es nur ein bisschen, dann geht es richtig los. Während die anderen noch fotografieren, verschwinde ich schon mal Richtung Campground. Auf halbem Weg trete ich fast auf ein wunderhübsches Calumma amber-Mädchen, das genau vor meinen Füßen den Weg überqueren will. Ich setze sie vorsichtig auf den Baum, zu dem sie offenbar hin will. Einen Knick hat sie schon im Schwanz (nicht von mir!), da braucht sie keinen, der noch aus Versehen auf sie drauf tritt.

Montagne d'Ambre
Gemeinsames Kochen

Passend zum Wasser von oben gibt es zum späten Mittagessen Fisch, für die Nicht-Fisch-Esser Schnitzelchen vom Zebu. Irgendwie sind die dank Lucky Luke etwas verfrüht aus. Inzwischen schüttet es wie aus Kübeln. Da sich bei diesem Unwetter ein weiterer Ausflug in den Wald verbietet (die Bäume mit ihren zentnerschweren Farnen neigen bei Wind und Regen manchmal dazu, umzufallen), sammeln sich nach und nach die üblichen Verdächtigen unter dem kleinen Dach der Küchenbänke und des Küchentischs. Eric kocht bereits fürs Abendessen und zeigt gerne, wie man perfekt gewürztes Hähnchen und Garnelen im Teigmantel macht. Er hat eine etwas spezielle Art zu würzen, die mir das Aufschreiben des Rezepts ein wenig erschwert: Man nehme vier Löffel Salz, kippe dann einen Löffel wieder zurück in die Tüte, gebe zwei Löffel zur Marinade und einen halben zurück in die Tüte, aber den letzten halben auf das Fleisch… Auch die Öl- und Mehlmengen sind eher geschätzt als gewusst, alles wird nach Gefühl gekocht. Chrissi, Daniel, Ines und Markus helfen ebenfalls beim Kochen. Wir spießen Hähnchen auf kleine Holzspieße, wickeln Besteck in Servietten und lassen uns von Eric zeigen, wie man den perfekten Teig zum Frittieren zubereitet. Nebenbei bereitet Andry Maniok in Sesampanade vor, die am morgigen Tag noch eine unfreiwillig witzige Rolle spielen werden.

Montagne d'Ambre
Jeder der kleinen, schwarzen Punkte ist eine Stechmücke…

Die Mücken sind heute übrigens wirklich fies. Unmengen getigerter, fliegender Plagegeister schwirren durch die Luft. Antibrumm stört sie nur wenig und auch mit Einsatz der Dunkelheit verschwinden die Mücken nicht. Wer auf den Bänken sitzt, hat ohne durchstichsichere Hosen streifenweise Stiche am Po und an den Oberschenkeln. Ich lobe mir gerade diese dicke, etwas klobige Hose von Fjällräven. An der verbiegen sich die Mücken 1a den Rüssel. Das Abendessen wird dafür extrem lecker. Das hervorragend gewordene Rezept gibt es übrigens hier und hier zum Nachkochen.

Nach dem Essen mischt Mika aus den aus Ambilobe mitgebrachten Zutaten Honig-Zitronen-Rum. Wie schon in Ankify wird eine gefühlte Ewigkeit geschüttelt, gemischt und probiert, bis es dann tatsächlich ans Trinken geht. Irgendwo im Dunkeln ist eine Trommel aufgetaucht – wer hat die eigentlich mitgebracht? – , José hat seine Gitarre ausgepackt und eine Rassel in Form einer umgebauten Energydrink-Dose  findet auch ihren Weg in madagassische Hände. Es wird gesungen, zuerst recht leise und zurückhaltend, später laut, mehrstimmig und schräg. Die Madagassen trommeln dazu sehr gut, alle übrigen trommeln eher nicht so glorreich. Das macht aber nichts, die madagassischen Texte funktionieren analog dazu auch besser, je mehr Rum fließt.  Es wird ein schöner Abend mitten im stockfinsteren Regenwald.

Mausmaki

Um neun Uhr schleiche ich todmüde zu meinem Zelt. Am Klohäuschen entdecke ich noch ein Calumma amber, auf dessen Nase ein kleiner Blutegel sitzt. Und als ich ein Blatt zur Seite biege, weil ich dahinter ein anderes kleines Chamäleon vermute, sitzt da plötzlich ein winziger sun bird. Die kleinen Vögel haben lange, schmale Schnäbel und sind das Pendant zu den Kolibris Südamerikas. Es ist unheimlich schwierig, sie tagsüber gut zu fotografieren. Also nutze ich meine Chance bei Nacht. Ines hat derweil eine Eule in den hohen Nadelbäumen in Richtung des kleinen Wasserfalls entdeckt. Kurz sitzt die Eule ganz ruhig auf einem Ast, dann fliegt sie völlig geräuschlos davon. Am Klohäuschen hatte ich übrigens noch einen Lemur entdeckt, der sich jedoch bei näherem Hinsehen nur als Madagaskarratte entpuppte. Sogar andere Ratten als der Rest der Welt hat die rote Insel.

Eule
Kleine Madagaskar-Schleiereule (Tyto soumagnei)

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 30 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.