Norden 2017

Als das Zelt wegschwamm

Montagne d'Ambre
Montagne d'Ambre

Offenbar ist der Hahn tot, jedenfalls kräht heute früh keiner. Gefühlt schlafe ich heute echt lange, trotzdem bin ich vor allen anderen wach. Oder zumindest vor der Mehrheit. In der provisorischen Küche wird schon seit fünf Uhr gebrutzelt, weshalb eher kühle Bananen zu haben sind. Gemeinsam mit den anderen frühstücke ich gemütlich, bis gegen Acht die Guides eintrudeln. Und selbstverständlich mitfrühstücken – den Vorteil hat man wohl nur bei uns, wenn man den Anekdoten der dreien von anderen Besuchern lauscht.

Angeluc wartet mit uns, bis alle anderen Gruppen den Campground verlassen haben. Er will uns eine Besonderheit nahe des Camps zeigen, die es nicht so häufig zu sehen gibt: Ein Calumma cf. nasutum, eine bisher unbeschriebene Chamäleon-Art des Montagne d’Ambre. Selbst Frank Glaw hat die Art hier noch nie gesehen, und der hat immerhin fast alle anderen (naja, fast jedenfalls) hier beschrieben. Das kleine Nasentier scheint noch nicht ausgewachsen zu sein, gibt aber dennoch ein sehr dankbares Fotomotiv ab.

Calumma cf. nasutum
Calumma cf. nasutum

Später brechen wir noch zur Cascade d’Ankarana auf, einem kleinen Wasserfall. Unterwegs entdeckt Angeluc im dichten Geäst einen kleinen Uroplatus finiavana, der allerdings gerade seinen Schwanz abgeworfen hat – der hängt jetzt nur noch an einem Zipfel. Wir nehmen einen Umweg in Richtung des Parkeingangs, denn dort lebt noch eine weitere, wunderschöne Chamäleonart: Furcifer petteri. Die kleinen, grünen Tiere mit den langen Nasenfortsätzen sind nicht nur äußerst fotogen, sondern auch sehr freundlich. Nur ein Weibchen finden wir nicht, dafür aber gleich zwei Herren der Schöpfung. Und damit der heutige Tag noch ein weiteres Highlight enthält, zeigt Angeluc uns auch noch ein junges Furcifer timoni.

Der größte Blattschwanzgecko der Welt, Uroplatus giganteus, sorgt dann auch noch mal für Aufsehen. Wie ein riesiges Sandsacktierchen mit samtweicher Haut sitzt er am Baum und beobachtet uns aus seinen zu einem schmalen Strich verengten Pupillen, die eigentlich für die Nacht gemacht sind. Das einzige, was den Spaziergang am Morgen trübt, sind eine Unmenge getigerter Mücken. Sie sitzen überall. Kaum lasse ich meinen Rucksack ein paar Minuten auf dem moosigen, federnden Waldboden stehen, ist schon alles schwarz-grau von den Mücken. Der Antibrumm-Verbrauch steigt stark.

Uroplatus giganteus

Wir sind verhältnismäßig früh von unserer Wanderung zurück. In der Küche werden gerade Karotten, Gurken und Bohnen geschnibbelt. Für die beiden Karnivoren gibt es die letzten Hühner zum Mittagessen. Die Vorbereitungen werden jäh unterbrochen, als Mika einen Skolopender im Küchendach entdeckt. Klein ist er nicht gerade. Mittels Stöckchen, viel Geschick und einem Glas wird der ungebetene Gast aus dem Dach und hinüber zum Parkplatz befördert.

Skolopender

Zusammen mit den Guides geht es dann ans Mittagessen. Nudelsalat kann so köstlich sein mitten im Regenwald! Im Anschluss versammeln sich alle für eine kleine Kabary auf dem Parkplatz. Dimby bedankt sich im Namen aller bei Florent, Angeluc und Angelin für die Gastfreundschaft und die vielen gefundenen Tiere. Die drei Guides geben den Dank gerne zurück und beteuern immer wieder, wie sehr sie die Tage mit uns jedes Jahr genießen. Ich gebe einen der aktualisierten Fieldguides ab, was nochmal für enorme Freude sorgt. Plötzlich beginnt es in Strömen zu regnen. Florent und die Zwillinge werden nach Ambohitra gefahren – bei dem Regen müssen sie echt nicht laufen – und alle anderen flüchten unter die Dächer.

Florent, Angeluc, ich und Angelin mit dem übergebenem Fieldguide
Florent, Angeluc, ich und Angelin mit dem übergebenem Fieldguide

Inzwischen ist es später Nachmittag, es nieselt nur noch. Die einen dösen im Zelt, die anderen reinigen ihr Foto-Equipment (eine undankbare Aufgabe im Regenwald) und ich schließe mich den paar Leuten an, die lieber nach Tieren am Rande des Campgrounds suchen. Erstaunlicherweise gelingt dass auch ohne Guides ganz gut. Vielleicht haben wir heute auch Glück? Tatsächlich finde ich ein adultes und zwei juvenile Brookesia tuberculata und Markus findet noch ein ganz kleines. Als wir die Winzlinge gerade fotografieren, fängt es erneut an wie irre zu schütten. Kübelweise rauscht das Wasser über die Zeltdächer zu Boden. Der Himmel ist dunkel, die Bäume ächzen unter der Last ihrer vielen Lianen, Moose und Farne. Ganze Sturzbäche fließen über die Palmen und Büsche am Rand des Campgrounds.

José stürzt plötzlich aus seinem Zelt. Seine Matratze ist gerade quasi unter ihm weggeschwommen. Jetzt sehe auch ich es: Sein Zelt steht in einer flachen Kuhle, die aber längst mit Wasser vollgelaufen ist. Das ganze Zelt schwimmt, und mit ihm Josés Gepäck. Gemeinsam retten wir Josés Zelt aus dem Wasser, organisieren ihm eine Ersatzmatratze von Marco und einen trockenen Schlafsack von Tanala und mir für die Nacht. Josés eigener Schlafsack trieft nur noch. Choa hingegen bekommt vom Regen gar nichts mit, er schläft schon den ganzen Tag und hat offenbar Glück mit der Wahl seines Zeltplatzes. Man munkelt, dass Réné mit Choa heute Nacht noch länger dem Rum zugesprochen hat. Nur zum Mittagessen war Choa kurz wach, danach erklingt wieder monotones Schnarchen aus der hinteren Zeltreihe. Mitten im Regen räumen wir einige Zelte um, vor allem die, die zu nahe am Waldrand stehen. Einige große Bäume ächzen bereits unter ihren nassen Farnlasten, dass man denken könnte, sie würden gleich umfallen. Dimby übernimmt das Sicherheitskommando und versetzt hier ein Zelt, dort lieber noch eins, und schließlich stehen alle auf kleinen Hügeln und fern wankender Bäume oder zu großer Wasserpfützen.

Naja, heute hat jeder seine eigenen Sorgen. Lucky Luke zum Beispiel klagt über schmerzendes Zahnfleisch nach dem Genuss von mit Sesam paniertem Maniok. Ich lasse dafür mein Smartphone fallen, und es landet natürlich auf dem einzigen Betonsockel weit und breit. Das Glas hat danach eine wunderbare, spinnennetzartige Verzierung.

Phase 10

Als die Dunkelheit hereinbricht, sitzen José, Chrissi, Markus und ich unter einem der Dächer auf den Bänken und spielen „Phase 10“. Nach dem Abendessen mit reichlich Reis gehen wir zu etwas Rum über, der Reis muss schließlich begossen werden. Da es heute Nachmittag so viel geregnet hat, gehen wir jetzt nochmal auf Tiersuche. Unmengen winziger Calumma linotum-Jungtiere sitzen überall in den Ästen. Ein feiner Nieselregen sorgt für eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit und verhindert jegliche fotografische Ambitionen. Lediglich ein Calumma ambreense-Weibchen, das direkt hinter dem Klohäuschen schläft, ist noch für ein kurzes Fotoshooting zu haben. Allerdings erst, nachdem wir eine halbe Stunde im Dunkeln gestanden haben. Man muss nämlich am Klo schon warten, bis das Streulicht der ganzen Taschenlampen weg ist – es wollen ja abends alle nochmal schnell…

Calumma ambreense
Calumma ambreense

Direkt vor dem Klo sitzen drei aufgeplusterte, kugelrunde Vögelchen auf einem Ast, der nur wenige Zentimeter über meinem Kopf hängt. Ein Pärchen Madagaskardajale und eines dieser kleinen, gelben Vögelchen, die hier immer zusammen auf den Ästen kuscheln. Ich tue es ihnen nach einem langen Tag gleich und verschwinde in mein Zelt.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 30 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.