Nordwesten 2020

Von Geckos, Bier und Sternenhimmel

Nosy Komba

Ich wache davon aus, dass die drei Hunde des Hotels vier wesentlich größere Hunde aus den Mangroven vertreiben wollen. Das klappt dem Krach nach nur mäßig. Aufgeregt rennen die drei Hotelhunde im nassen Sand herum, bis die Eindringlinge schließlich aufgeben und sich verziehen. Der kleine, junge schwarze Rüde, der sich gerne streicheln lässt, ist allerdings nur beim Bellen dabei. Er hält sich lieber im Hintergrund, während die anderen weiter vorne handgreiflich werden.

Frühstück!

Früh fahren wir zum Hafen von Ankify. Es gibt Frühstück an einem langen, aus verschiedenen Holz- und Plastikteilen zusammengerückten Tisch. Chao Malaza kommt vorbei, begrüßt uns und verschwindet schon mal in Richtung Boot. Wir folgen ihm wenig später vorbei am Markt mit Bananen und Schüssel voller Nudelsalat bis zu einer Brücke am Seiteneingang des Hafens. Reisepässe zur Kontrolle wie am Haupteingang des Hafens hätte heute eh keiner dabei gehabt. Andry und Léon fahren heute zum Markt nach Ambanja, für ein Barbecue werden noch Zutaten benötigt. Außerdem muss der kaputte Reifen repariert werden. Wir können den ja nicht zehn Mal am Tag aufpumpen.

Die Cyclone II wartet schon am Anleger. Ich steige ins Boot, Rettungswesten werden gereicht. Sie riechen fies nach Benzin. Chao Malaza lässt das Boot rückwärts aus dem Hafen herausfahren, dann erst gibt er Gas. Das Meer liegt spiegelglatt und ruhig da, die Sonne scheint. Nur hinter Nosy Komba verdecken Wolken den Himmel. Das Boot schießt über das Wasser direkt auf Nosy Komba zu. Die Insel hat die Form eines Kegels, sie war ursprünglich ein Vulkan. Die ehemals ascheschwarzen Hänge sind heute von dichtem, grünen Regenwald überzogen. Vor der Insel lenkt Chao das Boot in einem Bogen nach rechts, fährt an der Küste Nosy Kombas entlang und gelangt so zum Hafen von Ampangorina. Ein paar Katamarane liegen vor dem Strand im Wasser, diverse schicke kleine Boote ankern im niedrigen Meer. Der Bootshelfer wirft den Anker von Bord, Chao lässt die Cyclone langsam an den Strand gleiten.

Ich steige aus und laufe durch das niedrige, warme Wasser zu den Steinen direkt am Strand. Dann setze ich mich erstmal hin, um Socken und Schuhe wieder über die sandigen Füße zu ziehen. Wir sind direkt vor einer Bar angelandet. Ein dicker, alter Franzose mit rotem Gesicht quatscht Tanala an, ob er nicht mit uns zurück nach Ankify fahren könnte. Nö, wir fahren erst so in zwölf Stunden nach Sonnenuntergang wieder zurück. Das ist ihm dann doch zu spät. Als alle ihre Schuhe anhaben, wandern wir durch den Sand vorbei an der Bar auf den Hauptweg von Ampangorina. Das Basketballfeld vor dem kleinen Schulhof ist voller Schüler, die offenbar gerade Pause haben. Fast alle tragen dünne, hellblaue Hemden. Sogar zwei oder drei Fußbälle werden hin- und hergekickt. Wir laufen bis zu einer Hütte, die so etwas wie das Park Office von Nosy Komba ist. Vier Franzosen sind bereits vor Ort. Zwei ältere Herrschaften, beide eher drall, sie allerdings mit extrem durchsichtigem Rock, und einen Muskelprotz mit sehr schmaler, junger Freundin.

Ich würde heute gerne das echte Calumma boettgeri finden, ein kleines Chamäleon mit auffälligen Occipitallappen. Und falls noch ein winziges Erdchamäleon namens Brookesia minima auffindbar wäre, würde ich auch nicht Nein sagen. Noch bin ich aber an der Hütte. Dimby klärt mit den hiesigen local guides, ob sie überhaupt wissen, was ein Calumma boettgeri ist. Drei der jungen Männer schauen sehr interessiert, lassen sich aber erstmal diktieren, wie man das Tierchen überhaupt schreibt. Calumma radamanus, das haben sie überhaupt noch nie gehört. Brookesia minima auch nicht. Aber gesehen haben sie ein sehr kleines Erdchamäleon hier schon! Eine Frau reicht ein grünes Öl, vermutlich Limette, aus der Hütte. Es soll gegen Mücken helfen, Moskitosprays sind hier wegen der relativ zahmen Lemuren von Nosy Komba verboten. Das Öl hilft bestimmt auch, mehr Sonnenbrand zu bekommen. Also schmiere ich noch eine Schicht Limette auf Sonnencreme, Schweiß und Antibrumm (das ich in weiser Voraussicht schon in Ankify aufgetragen habe, denn ich will heute keine Lemuren anfassen).

Furcifer pardalis

Unsere drei Guides laufen alle gemeinsam los. Wir folgen dem Weg mit den großen Steinen quer durchs Dorf den Hügel hinauf, bis zu den zooartigen Einfriedungen mit diversen Schildkröten. Auf Höhe der schönen Kinixys zombensis kommen uns bereits der muskelbepackte Franzose samt seiner Begleitung wieder entgegen. Neuer Rekord, 30-Minuten-Besuche? Tiere sind wohl doch nicht so spannend. Statt in der Nähe der Schildkröten zu bleiben – der Schweiß läuft bereits in Strömen – folgen wir einem schmalen Weg aus dem Gelände des „Zoos“ heraus und weiter nach oben. Mir tropft der Schweiß bereits von den Händen und den Ellbogen. An meinen Beinen läuft eine interessante Mischung aus Sonnencreme, Limettenöl und Antibrumm herunter. In Strömen. Immerhin gibt es bereits auf dem Weg schöne Tiere zu bewundern: Das ein oder andere Pantherchamäleon findet sich direkt am Weg und Taggeckos laufen reichlich herum. An einem kleinen Bachlauf unter Bananenpalmen teilen wir uns auf. Tiere suchen ist angesagt!

Und die Suche bei 90% Luftfeuchtigkeit ist erfolgreich. Ein wunderschöner Blattschwanzgecko, ein Uroplatus ebenaui, entgeht unseren vielen Augen nicht. Das Tier trägt nur einen winzigen Schwanz, was aber normal für die Art ist. Der kleine Gecko steht dankbar Modell und wirft sich perfekt in Pose, obwohl er eigentlich nachtaktiv ist. Und auch ein Jungtier der Art lässt sich finden. Die drei local guides zeigen ein kleines Brookesia stumpffi, dass gerade eine grüne Pflanze auf Knöchelhöhe erklimmt. Dann sitzen sie vor allem herum und sind zufrieden, ein ganzes (!) Chamäleon entdeckt zu haben. Nachdem ein Kopfgeld auf Calumma boettgeri ausgesetzt wird, steigt die Motivation zur Chamäleonsuche doch noch erheblich. Das scheint nicht normal hier zu sein, dass eine Gruppe von Leuten so viele Reptilien sehen möchte und selbst sucht. Nach nicht mal einer Stunde sind alle meine mitgebrachten Wasser- und Colaflaschen schon geleert. Nach einer ganzen Weile – inzwischen sind meine Klamotten komplett durchgeschwitzt – entdecken die local guides ein Calumma cf. radamanus Weibchen.

Frank findet dafür dann endlich das ersehnte Calumma boettgeri auf einem winzigen, dünnen Ästchen. Besonders kooperativ ist das kleine Chamäleon allerdings nicht. Berührt man das Ästchen, auf dem es sitzt, lässt es sich sofort eingerollt fallen. Das Verhalten erinnert mich sehr stark an die nah verwandte Art Calumma linotum aus dem Montagne d’Ambre. Mit sehr viel Fingerspitzengefühl und unendlich viel Geduld – letztere ist eher Lars‘ Metier – gelingt es mir dann schlussendlich doch noch, ein Foto von dem Winzling zu schießen. Zufrieden tapere ich wieder zurück auf den Weg, wo Chrissi und Katie die Mohrenmakis von Nosy Komba entdeckt haben. Die Lemuren scheinen es ähnlich der local guides nicht gewohnt zu sein, dass Menschen sich weniger um sie als um kleine Kriechtiere kümmern. Sie sind neugierig bis auf nur einen halben Meter heran gekommen, um nachzuschauen, was die Zweibeiner da im Wald treiben.

Uroplatus ebenaui

Erst nach etlichen Stunden geht es aus dem Regenwald hinunter und zurück nach Ampangorina. Auf dem Weg kauft Tanala schon mal einen aus Holz geschnitzten Walhai und zwei Masken ein. Durch den Sand zwischen einigen Hütten hindurch laufen wir zurück in Richtung Strand, bis wir eine Ansammlung verschiedener Gargottes, kleiner Restaurants und Bars, erreichen. Eigentlich ist es zu spät für ein Mittagessen, aber ein madagassischer Restaurantbesitzer erklärt sich spontan bereit, für uns alle noch zu kochen. An einem langen Tisch unter einem Dach direkt am Strand werden Stühle gestellt. Die Stühle sind aus dunklem Tropenholz und ultraschwer. Man kann sie nur mit Mühe im tiefen Sand verschieben. Die Barhocker stehen alle noch auf der Bar hinten vor der Tür zur Küche. Es ist gerade low season auf Nosy Komba, Gäste hatte hier niemand erwartet. Ich trinke erstmal zwei kalte Bier und bestelle Nudeln.

Am Strand von Nosy Komba

Da es noch dauern wird bis zum Essen schlendere ich mit ein paar anderen nochmal durch Ampangorina. Es gibt viele Schnitzereien zu kaufen, darunter kleine Magnete aus Zebuhorn. Die paarende Schildkröten zeigen. Und Schwertfische. Die Schildkröten sollen 40.000 Ariary pro Stück kosten, aber das Feilschen ist dabei Programm. Wir einigen uns auf 10.000 Ariary, schon ahnend, dass wir die letzten Touristen auf der Insel sein werden für die nächste Zeit. In einer offenen Holzhütte stehen Büsten dicht an dicht. Darunter sind auch reichlich merkwürdige Kunstgegenstände: Ein Frauenkopf mit einem Hühnerfuß auf dem Kopf und eine Dame mit langen Hängebrüsten. Naja, wenn’s das Klientel hier sonst anspricht. Im Nachbarladen kaufe ich eine kleine, längliche Maske mit einem Chamäleon drauf. Aschenbecher hat es hier auch jede Menge, brauche ich aber nicht. Chrissi kauft an der Hauptstraße ein knallgelbes Shirt mit buntem Aufdruck.

Rund anderthalb Stunden später wandern die ersten Gerichte in der Gargotte auf den Tisch. Sogar Pizza gibt es, mit sehr wenig Käse. Der ist hier oben im Norden Madagaskar eher teuer und einfach nicht so wirklich zu bekommen. Dafür sind die Nudeln klasse. Dann gehen die kalten Getränke langsam aus. Das trübt aber die gute Stimmung nicht. Wir sitzen direkt am Strand mit Blick auf das kristallklare Meer, und na gut, das Bier ist halt warm. Dann kommt ein kleiner Junge angelaufen. Er trägt Plastikmüll auf den Armen, läuft über den Strand und wirft den ganzen Müll prompt ins Meer. Seine Variante der Müllentsorgung. Und vermutlich hat er sich das nicht selbst beigebracht.

Pause mit THB auf Nosy Komba

Dann wird es dunkel. Als hätte einfach jemand das Licht ausgeknipst. Darauf haben wir gewartet: Es geht nochmal hoch in den Wald von Nosy Komba. In der Nacht findet man manche Reptilien besser, und Frank wollte unbedingt noch das Männchen der Calumma cf. radamanus entdecken. Aber als Philipp sich in der Dunkelheit den Fuß umknickt, geht es doch wieder zurück zum Strand. Ich sitze derweil schon mit Chrissi vor einer Bar am Strand, direkt neben unserem Boot. Chao Malaza sitzt gegenüber unter einem großen Mangobaum und spielt Domino mit anderen Männern. Die Wellen laufen mit einem leisen Rauschen am Strand aus, am Himmel leuchten unzählige Sterne. Gegenüber auf einer kleinen Insel brennt ein Feuer vor einem einzelnen Haus in der Dunkelheit. Es ist noch erstaunlich viel los am Strand trotz der Dunkelheit. In der Bar wird noch getrunken. Eine ältere Dame, die ein kleines Kind in einem Tuch auf den Rücken gebunden trägt, setzt sich kurz zu uns, beobachtet uns neugierig und geht wieder. An der anderen Seite der Stufen zur Bar lehnt ein junger Mann und futtert Limetten.

Schließlich geht es zurück nach Ankify. Choa schlägt den letzten Dominostein auf den Holztisch, verabschiedet sich und macht das Boot startklar. Ganz langsam tuckert das Boot aus dem Hafen heraus. Keiner spricht. Vorne sitzt der Bootshelfer mit einer kleinen Taschenlampe in der Hand und leuchtet den Weg durch die Korallen. Kaum sind wir weit genug vom Strand entfernt, knipst er die Lampe aus. Und Choa Malaza gibt Gas. Wie ein Pfeil zischt das Boot in der stockfinsteren Dunkelheit über die Wellen. Die Gischt rund ums Boot leuchtet plötzlich, eine Vielzahl fluoreszierender Partikel leuchten im Wasser. Es ist schön und ein bisschen gespenstisch: Der sternenklare Himmel, das tiefschwarze Meer, die leuchtenden Punkte im Wasser um das dahin fliegende Boot. Irre schnell sind wir am Hafen von Ankify. Mit einem sanften Plopp landet Choa das Boot am Anleger.

Das Essen im Hafen wartet schon auf uns. Ich kriege nichts mehr herunter und bin unglaublich müde, aber José nimmt sich meines Min Saos gerne an. Es beginnt zu regnen. Dicke Tropfen fallen vom Himmel, und als alle gegessen haben, geht die Tröpfelei in einen kurzen Regenschutt über. Die Jungs warten schon mit den Autos und bringen uns zurück zum Hotel.

Veröffentlicht von Alex

Alex ist 33 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.