Nordwesten 2020

Ein eingesperrter Reiseleiter

Eigentlich wäre Frühstück erst um Acht angesagt, aber es ist schon vor Sechs so schwül und warm, dass das Bett keine Option mehr ist. Ich räume meinen Koffer mal aus und wieder ein und finde dabei einen Teil der vermissten Unterwäsche, aber nicht alles. Schließlich laufe ich in Flip-Flops zum Frühstück hoch zum Restaurant. Lars und Jutta sitzen auch schon da, deshalb wird das Frühstück kurzerhand vorverlegt. Es gibt sehr heißen Tee in Kaffee-Optik, einen Obstteller mit Ananas, Zimtapfel, Papaya und Bananen und Curasol-Saft. Das Meer zieht sich bereits zurück. Die Fähre nach Nosy Be tuckert vorbei. Sie liegt unglaublich tief im Wasser, vermutlich dank des aufgeladenen Lkws. Plötzlich ertönt vor den Zelten direkt vor dem Restaurant lauter Gesang. Eine madagassische Variante von Happy Birthday! Mamy hat heute Geburtstag.

Ich beobachte eine ganze Weile Reiher, die im Sand staksen und nach kleinen Krebsen suchen. Einer der Hunde hat direkt vor unser Bungalow sein Geschäft verrichtet. Das wäre nicht so schlimm, allerdings trägt ein gewisses Ereignis dazu bei, dass das Häufchen eine unfreiwillige Prominenz erfährt. Tanala schafft es nämlich irgendwie, sich im Sanitärbereich unseres Bungalows einzuschließen. Mit dem Schlüssel, der innen steckt, aber jetzt irgendwie nicht mehr funktioniert. Anscheinend ist das ganze Schloss ausgebrochen. Ich kriege die schwere Holztür von außen auch nicht auf, also hole ich mal Hilfe. Lars kommt angetrabt. Aber nicht nur er, nach und nach trudelt unsere ganze Reisegruppe als Zuschauer ein. Und amüsiert sich durchaus über den kläglich rufenden Reiseleiter. Das Fenster des Bades ist übrigens ein madagassisches mit horizontalen Glaslamellen, rausklettern kann man dadurch also nicht. Tanala öffnet erstmal die Fensterlamellen, damit frische Luft reinkommt. Ein Taschenmesser wird nach innen gereicht. Hilft nicht. Eine Gabel wandert hinterher. Hilft auch nicht. Eine laminierte Folie kommt auch noch zum Einsatz, aber auch die öffnet die Tür nicht.

Inzwischen sind 40 Minuten vergangen. Es wird eifrig auf der Außenseite der Tür gefachsimpelt. Ob man die Tür nicht einfach aushebeln kann? Geht nicht. Eintreten? Zu schwer, und außerdem wäre die Tür dann kaputt. Frank holt Joel und den kleinen dicken Koch dazu. Die sind allerdings auch keine Hilfe. Erste Wetten werden abgeschlossen, wer zuerst in den Hundehaufen vor der Tür tritt. Ich tippe auf Joel. Schließlich kommen auch die Madagassen zu unserem unfreiwilligen Sit-In. Und sie lachen nicht als einzige über die skurrile Situation. Tanala gratuliert Mamy durchs Fenster zum Geburtstag. Es sieht ein bisschen aus wie ein madagassisches Gefängnis, nur hübscher.

Noch immer ist niemand in den Hundehaufen getreten. Dann wird das Problem mit der Tür auf madagassische Art und Weise gelöst: Nany geht zum Auto und holt ein Beil und eine Art Stemmeisen aus den unergründlichen Tiefen eines Landcruisers. Joel hat derweil eine sehr wackelige Holzleiter organisiert. Mit deren Hilfe klettert Nany einfach auf die Steinwand, die das Bad vom Rest des Bungalows trennt. Und zack, ist Nany bei Tanala im Bad. Fitah und José lassen es sich nicht nehmen, zu zweit auf die Leiter zu klettern und das Spektakel von oben weiter zu verfolgen. Draußen klebt eine Traube Schaulustiger am Fenster. Joel wandert aufgeregt hin und her und wedelt mit dem kaputten Türschloss in der Luft herum. Nany entdeckt Mamy vor dem Fenster, stoppt seine Reparaturversuche und gratuliert dem Geburtstagskind erstmal ausführlich. McGyver Dimby ist leider gerade einkaufen in Ambanja und seinen Landcruiser reparieren. Die abgefallene Trittstufe ruht unter dem Mangobaum.

Schließlich bekommt Nany die Tür tatsächlich auf. Jubel brandet auf. Just in diesem Moment betritt auch ein weiterer Madagasse die Bühne: Ein Schlosser. Oder so. Er will die Tür reparieren. Die ist jetzt aber schon offen, und Tanala will sie auf keinen Fall nochmal schließen. Also zieht der Schlosser unverrichteter Dinge wieder ab.

Den Tag heute nutzen alle zum Entspannen. Und zum WhatsApp schreiben mit der Heimat. In Deutschland herrscht offenbar Weltuntergangsstimmung. Hier nur begrenzt. Regenwolken ziehen über Nosy Komba auf. Wind kommt auf. Das ist aber das einzige, was hier aktuell nicht so schön ist. Ich trinke mit den anderen Bier. Zwischendurch lasse ich mir von einer netten Frau die Haare flechten – übrigens die beste Frisur dieses Urlaubs, weil sie es schafft, dass man aus den Rastas noch perfekt einen großen Zopf binden kann. Sie legt sogar extra ein Polster vor sich hin, damit ich weicher sitze. Die Bezahlung fällt entsprechend gut aus, und sie freut sich sehr darüber. Zwischendurch reicht die Zeit noch zum Fotografieren eines kleinen, bunten Frosches unweit des Hotels. Derweil bereiten die Madagassen ein festliches Barbecue in einem Bungalow vor. Sie singen, schnibbeln Gemüse und Fleisch und trinken Rum. Chrissi startet einen neuen Versuch mit Brot im Dutch Oven.

Heterixalus variabilis

Am Abend gibt es ein fantastisches Barbecue mit Buffet. Superleckere Crevetten in Bierteig, frittierten Fisch, Reis mit Gemüse und direkt am Buffet gegrillte Zebu-Brochettes. Dabei lassen wir Mamy hochleben und feiern auch Nany, der heute Vater einer kleinen Tochter geworden ist. Er bekommt einen ganzen Stapel Babykleidung überreicht und freut sich sichtlich. Mamys Sacher Torte aus der Dose – stilvoll mit Kerze überreicht – findet schnell Abnehmer. Zum Abschluss des gelungenen Abends gibt es noch Ananas mit Pfeffer – nicht so meins – und mit Honig – viel mehr meins. Dann wird noch getrunken und gequatscht, bis die Müdigkeit dann doch alle langsam in die Betten zieht.

Veröffentlicht von Alex

Alex ist 33 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.

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