Norden 2019

Vorbei an Djangoahely

Pantherchamäleon

Irgendwann heute Nacht ist leider die Klimaanlage ausgegangen. Als die Zimmertemperatur gemütliche 35 Grad erreichte, bin ich aufgestanden und habe wirr auf den Knöpfen der Fernbedienung herumegdrückt. Entgegen meiner Erwartungen ging die Klimaanlage wieder an. Und kühlte auf eisige 25 Grad. Ich bin dann nochmal aufgestanden, um mich mit Antibrumm einzudieseln. Die Mücken hier sind fies.

Um sechs Uhr ist dann Zeit, „richtig“ aufzustehen. Der Baby-Hemidactylus an der Wand ist verschwunden. Tanala bringt die Koffer zum Parkplatz, ich suche mit der Kamera nach Taggeckos in den Palmen zwischen den Bungalows. Es scheint noch etwas früh zu sein, nur wenige Phelsumen zeigen sich. Darunter ein Phelsuma laticauda-Weibchen mit ausgeprägten Kalksäckchen und ein Phelsuma dubia. Nebenbei entdecke ich jetzt im Hellen, wie riesig das Hotel geworden ist. Auf dem Gebäude des Restaurants, das bis dahin zweistöckig war, wurde im vergangenen Jahr einfach nochmal drei Stockwerke aufgebaut. Riesig und klobig ragt der viereckige Klotz jetzt in den Himmel. Auf den wackeligen Gerüsten turnen bereits die ersten Bauarbeiter – ungesichert, versteht sich – herum.

Das Frühstück gibt es wieder bei Chez Mamie. Reisküchlein, Omelette ohne alles – auch ohne Salz – und Cola mit leichtem Fischtouch. Der Trick ist, die Colaflasche vor dem Öffnen einmal gründlich abzuwischen. Sie wird einfach nur in der gleichen Kühltruhe wie der Fisch gelagert. Es schwimmen sogar noch Eisklümpchen in der Cola. Philip beobachtet interessert eine Schlufpwespe, die offenbar einen kleinen Goldstaub-Taggecko jagt. Die Laune am Tisch ist gut, alle sind wieder fit.

Gris‘ Landcruiser klackert seit gestern und offenbar tut er das heute auch noch. Deshalb baut Gris mit Christian spontan auf dem Schotterparkplatz den Reifen hinten links ab. Leider vergessen die Jungs, einen Wagenheber drunter zu stellen, woraufhin das Auto mit einem lauten Ruuummmmmsss nach unten sackt. Die Bremse hat jetzt eine hübsche Delle. Nach über einer Stunde des Reparierens sind die Jungs fertig. Allerdings war es wohl doch die Radaufhängung, die da klackert, und nicht die Bremse. Gris und Christian holen ihr Frühstück zügig nach, wobei Gris einfach gleich aus der riesigen Reisschüssel isst.

Schließlich fahren wir los. Gris‘ Auto klackert genauso wie vorher. Aber offenbar wissen wir jetzt, dass da nix Dramatisches klackert. An der Tankstelle halten wir an, um uns mit Getränken für den Tag einzudecken. Antsohihy wacht gerade erst auf. Auf der Straße sind viele Menschen geschäftig unterwegs. An einem kleinen Holzstand gegenüber frühstücken drei Frauen, zwischen ihren Füßen sitzt ein Huhn. Der Himmel ist azurblau und von vielen, kleinen, weißen Wölkchen durchzogen. Ich schwitze jetzt schon. Die Flechtfrisur macht sich aber schon bezahlt, zumindest mein Kopf ist immer angenehm gekühlt.

Dann geht es auf der RN6 gen Norden. Die Landschaft besteht aus vielen kleinen, knorrigen Bäumchen in großen Savannen mit hohem Zebugras. Immer wieder sind kleine und größere Zebuherden unterwegs. Einige trotten auch über die Straße. Dann wechselt die Landschaft zu mehr Palmen. Überall sieht man rote Erde, an Hügeln, neben der Straße und überall da, wo kein Gras wächst. Irgendwo im Nirgendwo halten wir kurz hinter einem Hüttendorf an. Dimby fragt nach, mit wem wir hier für unseren Ausflug nach Sahamalaza im nächsten Jahr sprechen muss. Strom und Wasser könnte wohl ein Problem werden, denn das gibt es schlicht nicht. Für Essen könnten die Leute im Dorf aber sorgen. Ich packe mit Fitah Malbücher und Stifte aus. Als Tanala und Dimby von weiter hinten an der Straße zurück kommen, folgt ihnen eine ganze Schar Kinder auf den Fuß. Wir verteilen reichlich Malbücher und die Kinder freuen sich sehr.

Die Straße wird schlechter, je weiter wir gen Norden kommen. Zwar ist sie mehrheitlich noch gut befahrbar, zwischendurch sind aber immer wieder Abschnitte, auf denen gar kein Asphalt, sondern nur noch Laterit und Sand zu finden ist. Schon ein gutes Stück vor Ankaramibe entdecken wir eins der für diese Lokalform typischen Pantherchamäleons. Es wollte gerade die Straße überqueren. Die Kameras klicken. Wir setzen es zurück an den Straßenrand zwischen Bananenpflanzen und Ravenalas. Als ich näher an eine der Ravenalas heran gehe, läuft links vor meinen Füßen ein eigentümliches Furcifer oustaleti-Weibchen mit blauen Augen vorbei. Das Eigentümliche ist, dass es keinen Schwanz hat. Wo früher mal einer war, prangt eine riesige Narbe auf der Hüfte des Weibchens. Gewissermaßen hat sie damit wohl noch Glück gehabt – ein paar Millimeter weiter vorne, und sie hätte die Verletzung wohl gar nicht überlebt. Das erste Pantherchamäleon der Reise ist wunderschön und zeigt tolle rote Farben. Warm ist es natürlich auch schon und wir schwitzen ganz schön beim Fotografieren.

In Ankaramibe angekommen hat sich der Himmel zugezogen. Graue Wolken hängen tief über der Stadt und dem benachbarten Berg. Prompt setzt Nieselregen ein, als wir aussteigen und ausschwärmen, um nach Tieren zu suchen. Gerade kommen die Schüler der nahe gelegenen Schule aus ihrer Mittagspause zurück. Innerhalb kürzester Zeit sammelt sich ein ganzer Pulk von Kindern um uns herum. Offenbar ist das Beobachten skuriller Vazaha viel spannender als Schule. Erst nach und nach laufen die Schüler weiter, einige bleiben sogar, bis wir wieder fahren. José entdeckt ein kleines Pantherchamäleon-Männchen, das leider recht nervös ist und direkt vom angebotenen Ast hüpft. Dafür taucht nur wenige Meter weiter ein ausgewachsenes Männchen der gleichen Art auf, das völlig gechillt ist und sich ganz in Ruhe fotografieren lässt. Auch ein schwarz-orangenes Weibchen entdecken wir noch im Gebüsch. Ich laufe den Weg Richtung Hauptstraße nach unten, überquere eine kleine Brücke über einem Bach und schaue, was Markus entdeckt hat. Er ist auf der Suche nach bestimmten Phelsumen, einen hat er gerade an einer Hütte gesichtet.

Der Nieselregen nimmt ab und wir steigen wieder in die Landcruiser. Eigentlich wollen wir in Djangoahely bzw. einem nahen Bambuswald anhalten, um eine seltene Taggecko-Art zu suchen. Leider hört keiner auf mich, als ich sage, dass wir gerade am Ortsschild von Djangoahely vorbeigefahren sind. Tanala fragt Gris, ob das hier schon Djangoahely sei – „Neinein!“, sagt Gris, und fragt das gleiche über sein Funkgerät nochmal die anderen. Die sind auch der Meinung, dass Djangoahely näher an Ambanja liegen müsse. Also fahren wir weiter. Und weiter. Und weiter. Wir passieren mehrere Bambuswäldchen, aber keines scheint das richtige zu sein. Nach guten 30 Kilometern sind wir auch an Berambo vorbei, danach kommt ganz sicher kein Dorf mehr mit „Djangoa“ im Namen. Die Jungs halten an, um sich zu beraten. Dabei fällt ihnen auf: Oh Wunder, wir sind längst an Djangoahely vorbeigefahren. Ups. Dumm gelaufen. Nächstes Jahr gibt’s dann wohl einen neuen Versuch.

Furcifer pardalis aus Ankaramibe

Auf dem Weg nach Ambanja sichten wir noch zwei, drei schöne Pantherchamäleons aus dem Auto heraus. Ambanja ist wie immer chaotisch, laut und bunt. Ein völlig überladener, riesiger LKW fährt vor uns und will sich absolut nicht überholen lassen. Die Ladefläche ist auf beiden Seiten weit ausgebeult, das ganze Gefährt schwankt bedrohlich, als wolle es gleich umkippen. Mit völlig idiotischen Fahrmanövern versucht der LKW-Fahrer, keinen unserer Landcruiser vorbeizulassen. Erst an einer riesigen Kreuzung können Gris, Christian, Mamy und Léon sich vorbeidrängeln.

Gegen Fünf erreichen wir Ankify. Durch das Tor fahren wir zum gekiesten Parkplatz des Hotels. Der Strand ist schon in Sichtweite. Joel, der sich selbst vorzugsweise „So-ël“ ausspricht, sorgt für die ersten THB, schon bevor die Zimmer verteilt sind. Dimbys und Christians Landcruiser samt Besatzung fehlt noch. Sie tauchen etwas später auf.

Pünktlich zum Sonnenuntergang sitze ich vor meinem Bungalow direkt am Strand. Der Himmel verfärbt sich rosa, die Wolken über Nosy Komba leuchten in dunklem Lila. Das farbgewaltige Schauspiel am Himmel währt nur einige Minuten, dann wird der ganze Horizont tiefblau. Kurz danach wird es schon dunkel.

Zum Abendessen treffen wir uns alle oben im offenen Restaurant mit dem riesigen Palmblätter-Dach. Ein leichter Wind weht und vertreibt die Hitze des Tages. Am Horizont blitzt es, Wetterleuchten. Das Essen ist erstaunlich gut – soll das der kleine, dicke Koch gewesen sein? Tatsächlich. Er kommt stolz aus der Küche, um ungewohntes Lob entgegen zu nehmen. Zum Abschluss des Tages gibt es nach sehr guten Steaks noch flambierte Bananen, die Joel direkt am Tisch anzündet. Er vertreibt auch eher halbherzig die schlanken, weiß-roten Katzen, die inzwischen zu dritt sind. Marco hat leider etwas Angst vor den kleinen Tigern, die eigentlich gar nichts von uns wollen. Höchstens einen Happen Fisch oder Fleisch. Brot nehmen sie zur Not allerdings auch. Marcos Eingeweide stehen eher nicht auf dem Speiseplan.

Direkt hinter dem Restaurant leuchtet ein riesenhafter Mond, der wunderschönes Licht auf ein paar Wolken und das Meer wirft. Leider komme ich mit der Kamera etwas zu spät, es haben sich schon Wolken direkt vor den Mond geschoben. Am Strand leuchten Taschenlampen auf. Es sind wahrscheinlich Fischer, die nach Krabben und Krebsen suchen. Nach einem Abschlussrum gehen alle ins Bett – Queen Size Betten übrigens, da kann man ruhig auch länger drin schlafen.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 31 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.