Norden 2016

Schlaglochpiste zum Montagne d‘Ambre

Auf dem Weg zum Montagne d'Ambre
Auf dem Weg zum Montagne d'Ambre

Der Tag beginnt mit dem altbekannten Frühstück auf dem Markt von Ambilobe. Danach geht es den gleichen Weg wie gestern weiter Richtung Ankarana. Die Landcruiser kurven entlang der Marktstände Ambilobes. Es ist früh am Morgen, die Stadt ist voller Menschen. Gelbe Tuk-Tuks drängeln sich über die Straße, Renault R4s tuckern uns entgegen. Ein Mann trägt Luftballons, gruselige aufgeblasene Ballon-Puppen mit grünen Füßen und allerlei Plastikkrempel von Auto zu Auto, um es den Beifahrern anzubieten. Wir fahren vorbei an den Holzwerkstätten. Ganze Bettgestelle liegen und stehen verteilt zwischen fertigen und halbfertigen Stühlen, Tischen und anderem Schreinerhandwerk unter provisorischen Wellblechdächern.

Eric, Andry und Dimby waren übrigens gestern mehr als fleißig beim Einkaufen. Auf dem Dach einer unserer Autos thront ein Korb mit lebenden Hühnern, daneben sind Gasflaschen und Reissäcke festgezurrt. Außerdem, meint Eric schmunzelnd, gäbe es da noch eine Überraschung für mich in einer Kühltruhe.

Bis Mahamasina folgen wir der Straße, die wir auch gestern gefahren sind. Statt dort abzubiegen, fahren wir jedoch heute weiter. War die Straße bisher zwar asphaltiert, aber in erträglichem Zustand mit diversen Schlaglöchern, wird sie jetzt unterirdisch. Bereits kurz hinter Mahamasina ziehen sich so viele Risse durch den Asphalt, dass man nur sehr langsam darüber fahren kann.

Ambilobe
Marktstraße in Ambilobe

Und es kommt noch schlechter. Rechts und links brechen einfach Stücke aus der Straße heraus. Nur noch einzelne Abschnitte über wenige Hundert Meter sind asphaltiert. Seit 2013, als die Straße noch weitestgehend intakt war, hat sich der Zustand des Weges Richtung Diego Suarez um ein Vielfaches verschlechtert. Es scheint, die diversen Bauarbeiter samt ihrer Fahrzeuge sind eher zur Belustigung unterwegs als zur Arbeit. Hier können sie so vereinzelt sicher nichts ausrichten.

Irgendwo entdecke ich einen Lichtblick: Eine platt gewalzte, braune Erdfläche liegt vor uns. Aber weit und breit sind keine Straßenarbeiten zu sehen. Zumindest lässt die aufgeschüttete Erde aber hoffen, dass hier welche im Gange sind. Oder in Gang kommen sollen. Wer weiß das schon so genau. Hinter einer Kurve entdecken wir doch noch eine Walze und ein anderes Fahrzeug, dessen Vorderachse jedoch derart schief hängt, dass ich schon beim Hinsehen Zweifel an der Fahrtüchtigkeit habe. Die plattgewalzte Strecke reicht über einige Kilometer und endet in einer matschigen Piste, hinter der ein Bagger gerade Erde vom Straßenrand auf den Weg schaufelt. Dahinter geht die Straße so schlecht weiter, wie sie vor dem kleinen Dorf, das wir gerade durchquert haben, begonnen hat. Schotter und Schlaglöcher wechseln sich ab. Pfützen stehen überall.

Bei so einer langen Autofahrt habe ich genug Zeit, die Landschaft zu bewundern. Es muss die letzten Tage geregnet haben. Alles ist grün und üppig. Es scheint gerade Maiserntezeit zu sein, denn überall sehe ich auf Pfählen aufgereihte Maiskolben zum Trocknen aufgehängt. In der Ferne erhasche ich einen Blick auf den Montagne d’Ambre, unser Tagesziel. Aber der ist noch weit entfernt! Eine riesige Zebuherde versperrt die Straße. Bullen, Kühe und Kälber trotten gemächlich über den Asphalt. Langsam rollen die Landcruiser geradewegs durch die Herde.

Eine klappernde Zebu-Charetter kommt uns entgegen, eine andere steht am Straßenrand ein Reifen ist kaputt und wird gerade ausgewechselt. Reifen wechseln ist auf dieser Strecke überhaupt ein großes Thema. Wir haben Glück und nichts geht kaputt, aber wir treffen einige liegengebliebene R4-Taxis und Taxibrousse.

Auf dem Weg zum Montagne d'Ambre
Die Buckelpiste bei Anivorano

In Anivorano Nord ist Markttag, und unendlich viele, bunt gekleidete Menschen sind unterwegs. Ein riesiger Lkw quält sich den Hügel nach oben, in Zeitlupe passiert er die Schlaglöcher. Ein Mann schiebt eine leere Kiste Cola auf einer selbst gebastelten Holzkonstruktion mit Rollen. Fahrradfahrer wuseln durch das Gedränge von Menschen, Frauen tragen Sonnenschirme spazieren – obwohl die Sonne gar nicht wirklich scheint. Grüppchen von Leuten stehen quatschend zusammen, an den Marktständen drängeln sich Käufer und Verkäufer.  Und wir mittendrin. Im Schritttempo quetschen unsere Landcruiser sich Meter für Meter nach vorne. Taxibrousses stehen am Straßenrand und werden mit den Markteinkäufen beladen. Reissäcke, Tische, Raphia-Körbe und jeglicher vorstellbarer Krempel landet auf den Dächern der Buschtaxis. Durch das langsame Tempo habe ich viel Zeit, mich umzuschauen. Am Straßenrand entdecke ich eine Bruchbude aus verrosteten Wellblechen und Holz. Ein Eisentor verschließt das Grundstück, und darauf thront ein Holzschild von „Jiro sy Rano Malagasy“ – das ist wohl ein Haus von Jirama, der staatlichen Wasser- und Stromgesellschaft. Gut, das Aussehen der Bude erklärt doch so einige Stromausfälle in den letzten Tagen.

Hinter Anivorano halten wir unter einem riesigen Mangobaum für eine Pinkelpause an. Ein junges Pantherchamäleon-Männchen klettert gerade am Stamm des Baumes nach oben – und muss prompt für ein paar Fotos herhalten. Bei der Gelegenheit erfahre ich auch, dass wir noch ein Zwischenziel haben. Kurz hinter der Pinkelpause biegen wir auf eine rote Lehmpiste ab, deren Spurrinnen sich tief in den Boden gegraben haben. Es ist noch Zeit, einen Abstecher zu den Tsingy rouge zu machen. Am Häuschen neben einer Schranke kaufen wir Tickets, dann öffnet sich die Schranke und die offroad-Strecke beginnt. Es geht durch hohe, rote Lehmwände unter lautem Gehupe auf eine offene Fläche nur aus Sand und Eukalyptusbäumen. Dann geht es steile Hänge hoch und runter, die Autos quälen sich durch Löcher und an Hängen hoch, die ich selbst zu Fuß eher klettern würde. Mit dem Auto eine solche Strecke zu fahren, auf die Idee dürfte zu Hause ganz sicher niemand kommen.

Furcifer pardalis
Pantherchamäleon

Dimby und die anderen Jungs haben Spaß, auch wenn es bei der langen Strecke langsam anstrengend wird mit der Fahrerei. Auf dem höchsten Punkt des Hügels halten wir an. Die Aussicht ist beeindruckend. Bis zum Meer kann man sehen, und Montagne d’Ambre und Montagne des Francais liegen ebenfalls in Sichtweite. Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und strahlt vom blauen Himmel.

Nach einer sehr beeindruckenden Fahrt kommen wir zu dem Plateau, auf denen die Parkplätze liegen. Einige Hütten wurden davor gebaut, wie eine Art lose zusammengewürfeltes Dorf. Wo es Geld zu verdienen gibt, lassen sich eben auch Menschen nieder. Wir halten neben zwei Picknickhütten und laufen den roten Lehmpfad nach unten bis in die Schlucht. Vor den Eingang der Schlucht wurde ein Zaun aus Ästen gebaut, angeblich um Zebuhirten davon abzuhalten, ihre Tiere hier durchzutreiben und dabei die zerbrechlichen Tsingys zu zerstören. Daran zu halten scheint sich niemand, denn die „Tür“ im Zaun weist Umengen Klauenspuren im weichen, sandigen Boden auf. Die Sonne strahlt auf die kleinen Tsingys, und bringt ihre Farbe zum Leuchten. Ich mache ein paar Schnappschüsse und hüpfe auf dem Pudding-ähnlichen Sand davor herum.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir Joffreville, oder madagassisch Ambohitra, das Dorf vor dem Eingang zum Montagne d’Ambre. Wir halten gegenüber einem Krämerladen an, der mir noch sehr bekannt vorkommt. Bei einem jungen Mann mit schulterlangen, schwarzen Haaren ordern wir Getränke. Tanala hat ihn vor Jahren mal aus Scherz Jackie Chan genannt, weil seine Gesichtszüge seine halb chinesische Herkunft verraten. Er fand das ganz gut, und seitdem heißt er eben Jackie. Seinen richtigen Namen weiß ich nicht mal. Campingtechnisch ist der kleine Laden auf den ersten Blick gut ausgestattet. Die deckenhohen Regale sind gefüllt mit Rum, Fanta, Bier, Zahnpasta, Keksen und allem, was man zum Campen oder im Alltag gebrauchen kann. Nur Wasser ist leider nicht in großen Flaschen da. Also rüsten wir uns mit Unmengen kleiner Flaschen aus und tragen kistenweise Getränke in die Autos.

Auf dem Weg zum Montagne d'Ambre
Irgendwo am Wegesrand

Auf dem Weg in den Regenwald des Montagne d’Ambre erwartet mich noch eine Überraschung. Der Weg bis zum Campground, wenige Kilometer lang, wurde vollständig asphaltiert. Die kleine Holzbrücke ist verschwunden und durch eine stabile Betonbrücke ersetzt, der Weg fährt sich zügig und leicht. Das ist doch mal was!

Als wir auf dem Parkplatz des Campgrounds anhalten, ist es fast dunkel. In Windeseile bauen die Jungs mit Tanala die Zelte auf. Andry und Eric sind unter einem kleinen Dach zugange, und kümmern sich um das Abendessen. Es gibt zu meiner sehr großen Freude Beignet des Crevettes, also Garnelen im Teigmantel. Auf ganz persönliche Wunsch meinerseits in Ankify, von dem ich allerdings nicht ausgegangen bin, dass man ihn erfüllen könnte. Die Garnelen haben den Tag im Auto in einer Kühlbox verbracht, zusammen mit Unmengen Eis. Das war Erics Überraschung. Und die Beignets schmecken himmlisch!

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 30 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.