Süden 2015

Ab in den Süden

Furcifer lateralis
Teppichchamäleon

Auch heute ist der Wasserdruck irgendwo bei Null. Ich dusche also nur hüftabwärts. Weiter oben ist eh gerade Sonnenbrand. Um sieben Uhr soll es mit dem Bus losgehen, und das schaffen wir immerhin fast. Um 20 nach Sieben lenkt Christian den Bus auf die Straße, und das Abenteuer geht los. Was ich in Tana sehe, erschreckt mich. Alles ist überschwemmt. Reisfelder sehen aus wie riesige, braune Seen, teils sind Deiche gebrochen, Hütten unter Wasser, soweit das Auge reicht. Teils haben die Menschen provisorische Zelte auf den Deichen errichtet, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Die Zelte bestehen aus Plastiktüten und schmutziger Kleidung. Ab morgen soll es erneut eine ganze Woche regnen in Tana… Der Fluss ist außerhalb jeden Flussbetts. Immerhin ein einzelnes kleines Zelt des roten Kreuzes entdecke ich auf der Fahrt durch Tana. Keine Ahnung, wie die Menschen hier die nächsten drei Monate überleben sollen. An einer Tankstelle wird kurz angehalten. Ich decke mich mit Schokobrötchen, Cola und Erdnüssen ein. Mein Blick schweift zum Rova und den überschwemmten Feldern zu seinen Füßen. Schließlich verteile ich das meiste Essen an ein paar Kinder und Eltern in abgerissener Kleidung.

Genug der trüben Gedanken. Christian fährt auf die RN7, die von Tana bis in den Süden nach Toliara (Tuléar) führt. Wir kommen am Palast des Präsidenten vorbei – ein recht riesiges weißes Gebäude mitten im Grünen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das südliche Hochland besteht fast nur aus kurvigen Straßen und unendlichen Weiten von Reisfeldern, alle in Terrassen. Durch die kurvige Straße hat man immer wieder Wahnsinnsaussichten. Malerisch schmiegen sich kleine, rote und gelbe Backsteinhäuser an die Füße kleiner Berge, von denen Wasserfälle herabfließen. Alles wird umrahmt von den leuchtend gelben und grünen Reisfeldern. Kommt die Sonne einmal kurz hinter den Wolken hervor, strahlen die Farben des Hochlandes geradezu.

Reisfelder im südlichen Hochland
Reisfelder im südlichen Hochland

Die Straße selbst wird immer schlechter, je weiter wir gen Süden kommen. Und das geht nur sehr langsam. Bei einer Pipipause halten wir an diversen Raphia-Verkaufsständen bei Ambohimalaza. Christian findet direkt gegenüber im Gebüsch ein junges Furcifer lateralis-Männchen. Er hat’s einfach drauf! Thomas kauft mehr als 20 kleine, aus Draht und Bast handgefertigte Chamäleons. Neben Lemuren und Chamäleons basteln die Frauen hier auch Zebras und Giraffen. Hab ich persönlich jetzt auf Madagaskar noch keine gesehen, aber was soll’s.

In der Stadt Ambatolampy liegt unser erstes Tagesziel. Ambatolampy ist eine chaotische Stadt mit viel Grün dazwischen. Christian bugsiert den Bus durch eine enge Marktgasse. Markisen kratzen am Bus entlang, ein Metzger winkt uns über seinem Fleisch zu, das in der Sonne von Fliegen umschwärmt wird. Wir halten in einem verdreckten, rauchigen Hinterhof gegenüber einem Pétanque-Platz. Hier wird Aluminium eingeschmolzen. Dazu nimmt man alte Fensterrahmen, Aludosen und alles andere, was die Chinesen so auf die Insel schleppen. Das ganze Alu wird in hohe, weißliche Behälter gegeben und auf offener Flamme erhitzt, bis es schmilzt. In einer kleinen Hütte zeigen zwei Männer barfuß, wie man in weniger als zehn Minuten Alutöpfe gießt. Aus einem graffitähnlichen Sand, der staubfein ist und den es nur hier gibt, formt man ein Negativ um einen existierenden Topf oder ein geschnitztes Modell. Dann stampft man drumherum das Pulver fest, entfernt vorsichtig die Formen und fügt die „leere“ Gussform wieder zusammen. Dann wird über einen kleinen Trichter flüssiges Aluminium in die Form gegossen – natürlich ebenfalls barfuß, wer braucht bei über 300 Grad schon Schutzkleidung. Nach wenigen Sekunden ist das Aluminium erstarrt und kann aus der Form genommen werden. Der heiße Aluminium-Schmelztiegel wird mit einer Art selbst gebauter Zange gehalten und bedient. Vom fertigen Topf muss man nun noch die Grate entfernen, aufpolieren – voilà!

Ich bin beeindruckt, allerdings eher um die Gesundheit der Arbeiter besorgt. Tanala ersteht zwei Töpfe für je 15.000 Ariary, ich erstehe eine kleine Schildkröte für 7.000 Ariary. Die Luft in den Hütten ist beißend, der Staub kitzelt in der Nase und reizt die Atemwege. Der Rauch draußen stinkt wie die Hölle… wie lange die Arbeiter das wohl durchhalten?

Später geht es weiter nach Antsirabe. Die Stadt der heißen Quellen ist grün, relativ wohlhabend, aber auch eng und verstopft mit Hunderten Pousse-Pousse, Taxi Be, Taxibrousse und LKWs. Wir halten an einem kleinen Restaurant, wo es ziemlich gute Pizzas gibt. Die WLAN-Süchtigen sind natürlich gleich wieder im Netz. Ich habe beschlossen, mein Handy wie immer drei Wochen ausgeschaltet zu lassen. Schnell kleben am Fenster zig Verkäuferinnen mit T-Shirts, Ketten, Anhängern, Tischdecken und allerlei anderen Dingen.

Nach dem leckeren Mittagessen entscheiden wir uns – ganz demokratisch – für einen Besuch in Josephs Edelsteinwerkstatt. In einer kleinen Gasse treffen wir auf ein unscheinbares Haus, vor dem jedoch ein bewaffneter Wachmann postiert ist. Wir treten ein und sind die einzigen Gäste. Josephs Angestellte zeigen uns alle möglichen Steine, allen voran der in Antsirabe abgebaute Rosenquarz und ein über 10 Milliarden Jahre alter versteinerter Palisander. In der Werkstatt werden die Steine verarbeitet und zu verschiedenen Figürchen, Solitär- oder Damespielen usw. umgebaut. Jeder bekommt einen kleinen Celestit-Stein geschenkt, auch den gibt es nur auf Madagaskar. in einem kleinen, mit weißen Kieseln ausgelegtem Hof sitzen vier Strahlenschildkröten, ein Männchen davon schwer ramponiert, aber längst verheilt. Zum Glück wohnen sie den Rest der Zeit im Garten. Joseph begrüßt micht herzlich. Eigentlich finde ich nichts an Steinen, aber ein kleiner Anhänger aus Feinsilber mit Chamäleon, Ravenala und dem Umriss Madagaskars hat es mir angetan. Unten ist ein kleiner Rubin eingearbeitet. Als ich nach dem Preis frage, druckst Joseph erst herum, dann schenkt er mir den Anhänger einfach. „Misaotra betsaka!“

Der Weg geht weiter durch die leuchtenden Reisterassen Madagaskars. Es muss Unmengen geregnet haben, alle paar Hundert Meter sind viele Quadratmeter der Straße von roten Erdrutschen verdeckt. Schlaglöcher und eine halb weggebrochene Brücke machen die RN7 zu einem besonderen „Erlebnis“. Christian fährt aber wie immer völlig gelassen und sicher. „Mora mora!“, schmunzelt er nur. Kurz vor Sonnenuntergang halten wir gegenüber eines Wasserfalls zur Pinkelpause. Christian findet nach wenigen Minuten ein schlafendes Furcifer lateralis-Männchen an einem niedrigen Busch direkt über einem Reisfeld. Fotos, Fotos, Fotos… wir fahren erst los, als es schon dunkel wird. Es beginnt zu regnen und ein Gewitter setzt ein. Das macht das Fahren auf der eh klatschnassen, mit riesigen Pfützen und Löchern versehenen, schmierigen Straße nicht einfacher. Der Fluss, der neben der RN7 verläuft, ist längst zu einem reißenden Gewässer geworden.

Erst im Dunkeln treffen wir in Ambositra, der Stadt der Holzschnitzer, ein. Nur wenige Lichter weisen in der dunklen Stadt den Weg. „Hier sehen Sie gerade NICHT Ambositra.“ Wir kommen in ein tolles Hotel mit riesigen Bungalows, deren kleine Galerie, Dächer und Pfosten alle mit handgeschnitzten Verzierungen versehen sind. Sogar die Gardinenstangen haben Lemuren und Chamäleons an den Enden. Licht und Strom funktionieren, selbst die Steckdosen halten – und eine warme Dusche! Geil! Richtig luxuriös hier für Madagaskar. Draußen ist es inzwischen ziemlich kühl. Ambositra ist die kälteste Stadt Madagaskars und erreicht nachts gerne mal die 10°C.

Furcifer lateralis
Furcifer lateralis

Das dazugehörige Restaurant des Artisan lässt ebenfalls keine Wünsche offen. Weder optisch noch kulinarisch. Oh, und akustisch! Ich esse leckere Brochettes mit Kartoffeln und gönne mir danach eine flambierte Banane. Ein Duett aus einem Gitarre- und einem Valiha-Spieler dudeln derweil bekannte, aber leicht auf die Instrumente umgeschriebene Lieder. Nach einer Weile erkenne ich Let it Be von den Beatles und Hey Jude. Danach spielen sie irgendein deutsches Volksmusik-Lied, dass mir zwar verdächtig bekannt vorkommt, an dessen Namen ich mich aber nicht erinnern kann. Insgesamt eine ganz nette Sache, auch wenn ich das Gedudel einer Valiha sicher nicht stundenlang aushalte.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 30 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.