Nordosten 2014

Dschungelfäule

Marojejy
Camp Mantella

Erst um acht Uhr morgens schaffe ich es aus dem Zelt. Ich habe Muskelkater in Muskeln, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren. Meine Füße tun weh (aber: immerhin dank der guten Meindl-Schuhe keine Blasen!) und meine Beine und Knie wollen eigentlich überhaupt nicht mehr laufen. Keinen Meter mehr. Bis zur Gemeinschaftshütte zum Frühstück schaffe ich es aber noch. Zum Glück kommt zügig die Sonne hinter den Wolken hervor, so dass ich sofort wieder alle Klamotten auf die umliegenden Felsen drapiere. Eine Stunde trockene Kleidung wäre schon toll. Ich überlege außerdem schon seit heute Morgen, ob Haare eigentlich schimmeln können? Nicht dass ich versucht hätte, die Haare mal zu waschen, aber sie sind seit Ankunft in Marojejy einfach dauerhaft nass. Eine kleine Gruppe geht am Vormittag zur piscine naturelle, wo ich mit Thorsten vorgestern schon war. Mosesy hat zugesichert, man könne dort auch problemlos schwimmen gehen (Mist, hätte ich das mal vorgestern gewusst!).

Ich begnüge mich mit einem ruhigeren Programm und habe bei Sonne wenigstens Gelegenheit, UV-Indices zu messen. Da ich gerne baden würde, gehen Tanala und ich zum Fluss hinter Camp Mantella hinunter. Es sind knapp 50 Meter, die letzten davon klettert man über große Findlinge. Dann sind wir schon da – direkt am kühlen Wasser, dass hier einen kleinen natürlichen Pool bildet, der maximal hüfttief ist. Das Wasser ist glasklar, jeden Kieselstein kann man darin sehen. Pflanzen hängen ins Wasser, riesige Bäume stehen drumherum und der Regenwald bildet eine traumhafte Kulisse. Obwohl das Wasser kalt ist, gehe ich darin baden und genieße einfach mal ein halbes Stündchen, in Mitten des Regenwaldes im kühlen Nass zu plantschen. Große, bunte Libellen fliegen tief über das Wasser und setzen sich immer wieder auf die gleichen Gräser, die großen Flügel schimmern in der Sonne. Frösche quaken, Vögel zwitschern, begleitet vom Rauschen des Wasserfalls. Es ist wunderschön hier.

Als der Himmel sich zuzieht, wickele ich mich schnell in mein Handtuch und wir laufen schnell wieder zurück ins Camp. Wie schön das ist, mal keine Patina aus Schweiß, Anti-Brumm und Dreck auf der Haut kleben zu haben! Keinen Moment zu früh stehen wir unter dem Dach, als sintflutartig der Regen losbricht. Die Gruppe, die zur Piscine naturelle gegangen ist, kommt pünktlich zum Mittagessen zurück. Tatsächlich waren Stefan und ein paar andere im Wasser schwimmen. Wieder haben heute morgen zwei Hühner ihr Leben lassen müssen, das habe ich zumindest dem aufgeregten Gegacker während des Badens entnommen. Der Rest des Tages verläuft ohne große Aufregung. Ruhe, relaxen und ein paar Tiere anschauen ist angesagt. Leider verbringe ich auch viel Zeit des Tages auf dem wunderschönen Regenwaldklo, denn ich habe die letzten Tage zum einen zu wenig getrunken und zum anderen meine Leistungsgrenze weit überstiegen. Eine bunte Mantelle hat sich ebenfalls dort eingefunden und hupft mir um die Füße. Wenigstens etwas.


Bis zum Abend sitze ich im Camp, sonne mich zwischendurch mal, messe UVB und schaue hier und da mal nach Tieren. Ich laufe immernoch in den geliehenen Riesenlatschen herum, meine Schuhe sind auch nach wie vor klatschnass. Mein Fieldguide ist inzwischen in reger Nutzung und auch einige der Träger und Köche schauen hinein. Der ein oder andere möchte vielleicht in den nächsten Jahren ebenfalls local guide werden, was eine zweijährige Ausbildung bei „fertigen“ Guides und viel persönliches Engagement bedeutet. Ich zeige Mosesy und Donnat, wie man einen Schlangenhaken einsetzt – so ganz überzeugt sind sie von der Sache nicht, aber nützlich finden sie es schon. Man sitzt zusammen und fachsimpelt über dies und das, und ich versuche mein Flüssigkeitsdefizit mit Bier und Eau vive zu bekämpfen.

Brookesia vadoni
Brookesia vadoni

Der Abend hält dann – mit etwas mehr Aktivität – noch eine Überraschung bereit: Mosesy zeigt uns ein knallbuntes, stacheliges Brookesia vadoni irgendwo im Wald. Ich habe diese Art noch nie gesehen. Sie kommt lediglich auf diesem sehr kleinen, schmalen (und sehr schwer zugänglichen) Stück Regenwald vor und ist klein genug, dass man sie selbst mit intensiver, stundenlanger Suche nur sehr schwer findet. Entsprechend wenig Fotos gibt es von dieser wunderschönen Art. Eigentlich bin ich gar kein so großer Fans von Erdchamäleons, aber das kleine bunte Tier mit den bizarren Hautfortsätzen zieht mich schnell in seinen Bann. Kaum vier Zentimeter ist es lang, hat einen hellgelben, leuchtenden Kopf mit aufmerksam umherzuckenden schwarzen Augen. Der Schwanz und ein Teil der Flanke und des Bauches sind hellblau, fast weiß. Ein kleines Naturwunder! Nicht viele Menschen haben das Glück, dieses Tier jemals lebend in seinem natürlichen Lebenrsraum zu erleben. Auch einiges andere gibt es am Abend noch zu bestaunen, darunter natürlich wieder viele Frösche und ein weiteres junges Calumma marojezense, aber gegen das kleine Brookesia vadoni kommt tatsächlich nichts anderes mehr an. Ein absolutes Highlight, dass die Anstrengungen auf diesem Berg dann doch wert war.

Schon lange ist es dunkel, als wir uns endlich zum Abendessen einfinden. Da es die letzte Nacht in Marojejy ist, fährt unsere Küchenmannschaft heute nochmal groß auf: Drei Gänge gibt es, eine Gemüse-Suppe, Zebu (diesmal etwas weniger zäh) mit Reis und zum Abschluss servieren die Jungs unter Aaah- und Oooh-Rufen flambierte Bananen. Als ich später meine Schuhe endlich wieder ausziehen kann, sind meine Füße dick geschwollen, weißlich und runzling. An einigen Stellen löst sich die Haut wie bei einem Sonnenbrand, an anderen ist sie komisch hart. Das nennt man wohl Dschungelfäule.

Achja, Spinnen gibt es in Marojejy übrigens reichlich. Besonders „schön“ sind die schwarzbeinigen, handgroßen Tierchen, die sich unter den Dächern der Camps eingenistet haben. Leider sind sie neben sehr dick und eklig auch verdammt schnell. Abends seilen sie sich vom Dach herunter und krabbeln auf den Rückenlehnen der Bänke herum. Gut, wenn man einen Platz zur Innenseite der Gemeinschaftshütte erobern konnte. Ich gucke ab und also starr auf die Krabbeltierchen, während mein Gegenüber zum Glück gar nicht mitbekommt, was sich da hinter ihm abseilt. Ganz ehrlich, ich finde große Spinnen wirklich grauenhaft. Aber Marojejy ist das viel, viel mehr als wert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Alle Infos zum Datenschutz auf dieser Website findest du hier.

Veröffentlicht von Alex

Alex ist 31 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.