Norden 2013

Cholesterin-U-Boote und gelber Regen

Wald in Analamazaotra
Wald in Analamazaotra

Auch der heutige Tag startet erstmal mit einem Zebu-Sandwich, liebevoll Cholesterin-U-Boot getauft. So könnte jeder Tag anfangen! Anto, Andrea und ich wandern mit Patrice und Daddy zum Nationalpark Analamazaotra. Vor dem Parkeingang liegt ein kleiner Parkplatz, und der ein oder andere französische Tourist scheint sich auch hierhin verirrt zu haben. Ein kleines Museum und ein Toilettenhaus gibt es, das war’s. Anmelden muss man sich trotzdem. Praktischerweise sitzt direkt vor dem Eingang schon ein Calumma brevicorne-Weibchen, was sich mächtig über uns aufregt. Es fängt an zu regnen, nein zu schütten…. alles ist in Sekunden klatschnass.  Wir finden noch ein kleines Calumma brevicorne-Baby, wofür sich die dicken Französinnen allerdings nur sehr peripher interessieren.  Es ist klein und dunkel und sitzt direkt zwischen vertrockneten Blättern. Ich erkenne es erst, als Daddy es quasi zwischen den Fingern hat. Das hätte ich niemals selbst gefunden! Auf dem Parkplatzrasen läuft ein völlig abgemagerter Hund herum, der wohl kurz vorm Exitus steht. Er zittert, fällt immer wieder hin, kann sich kaum auf den Beinen halten, schließt die Augen.

Gasteracantha
Stachelspinne (Gasteracantha versicolor)

Im Gegensatz zu gestern verläuft der Tag eher unspektakulär. Wir begegnen immer wieder Tourigruppen, die fast alle sehr wenig Interesse an Chamäleons haben und die Destinationen wohl mehr abhaken als erleben wollen.  Schade. Mitten im Regenwald sitzen einige Indris auf den Bäumen in mehreren Metern Höhe – eigentlich sieht man nur ihre Hintern von unten. Unter den Indris steht auch ein Mädel in engen, triefnassen Jeans, in Ballerinas und mit Iphone in der Hand. Vielleicht im Urlaubsziel geirrt? Mallorca ist das, wo man weniger lange fliegt… fängt aber auch mit M an!

Zwischendrin finden wir immer wieder Krabbenspinnen (Anmerkung: Korrektur! Das sind gar keine, sondern spiny orb weavers, Stachelspinnen), völlig abgefahrene kleine, knallbunte Viecher, die ich überhaupt nicht mit Spinnen in Verbindung gebracht hätte – säßen sie nicht in Netzen. Irgendwann folgen wir Patrice völlig querfeldein durch den Regenwald. Pfad? Fehlanzeige! Und Patrice verschwindet immer wieder, um Diademsifakas zu finden. Nach einer gefühlten Ewigkeit – und langsam wird die Kletterei bei der Wärme und Luftfeuchtigkeit echt anstrengend – stehen wir direkt unter ihnen. Direkt trifft es ganz gut, erstmal pisst mir einer der Sifakas auf den Pulli. Bis er dann auch sein großes Geschäft fallen lässt, habe ich mich aber immerhin fünf Meter weiter weg gerettet. Die anderen machen ihm das erstmal nach  – scheint eine gute Beschäftigung zu sein, wenn komische Zweibeiner unter den Bäumen stehen.

Auf dem Rückweg finden wir – wieder zurück auf dem normalen Rundweg – ein Furcifer willsii-Weibchen, das dick wie ein Golfball ist und sehr nervös ständig vom Ast springt. Wir lassen sie relativ schnell in Ruhe. Patrice entdeckt plötzlich einen merkwürdigen großen Käfer. Beim Versuch, ihn einzufangen, fliegt das Tierchen etwa dreißig Meter weiter und landet in einem hohen Baum. Patrice zuckt mit den Schultern und meint „I’ll catch him!“ und verschwindet. Anto und ich schauen uns eher ungläubig an… das scheint doch ein eher aussichtsloses Unterfangen zu sein. Patrice muss in den Baum an einem Hang klettern, davor geht’s relativ steil runter, und jede Bewegung der Blätter könnte den Käfer schon zum Wegfliegen veranlassen. Nach einiger Zeit kommt er zurück – und präsentiert uns allen Ernstes den Käfer! Unglaublich. Ein lustiges Ding ist das… das Tierchen ist so lang wie meine Handfläche und hat eine riesige Nase. Den Namen weiß keiner, ich taufe es auf Nasenkäfer (Anmerkung: War gar nicht so verkehrt, es ist ein lantern bug namens Zanna pauliani). Ähnlich skurril haben wir übrigens auf dem Hinweg ein Calumma nasutum entdeckt – also wir nicht, Daddy war’s. In zwei Metern Höhe auf einem toten Blatt. Giraffenhalskäfer sehen wir auch etliche, sowohl Weibchen als auch Männchen. Ich wundere mich derweil nur über eine japanische Tourigruppe, die sich zwar etwa eine Minute für den roten skurrilen Käfer begeistern können, aber das Chamäleon gegenüber juckt sie nicht. Naja, mehr Chamäleons für mich.

Zurück in der Lodge gibt es noch Unmengen Taggeckos auf den Palmen über den Hibiskussträuchern. Sie sonnen in der Nachmittagssonne und genießen die warmen Plätze – mehrheitlich sogar ohne sich gegenseitig zu beißen. Und kurz vor Sonnenuntergang gibt es schließlich noch ein ziemlich großes Highlight: Wir fahren nochmal raus aus Andasibe, bis zu einem kleinen Waldstück einige Kilometer entfernt. Was es hier zu sehen gibt? Ein besonders großes Parsons Chamäleon, einen yellow giant. Und giant ist der Kerl. Nacheinander dürfen alle für einige Minuten Fotos von dem wunderschönen Chamäleon machen. Ein beeindruckendes Tier, das allerdings auch schon älter sein dürfte und einiges mitgemacht hat. Morgens wurde er wohl von einem Vogel angegriffen, denn der Schwanz ist gebrochen und das linke Auge sifft vor sich hin. Nichtsdestotrotz eine beeindruckende Erfahrung. An dieser Stelle übrigens noch eine erfreuliche Notiz: Das Tier lebt noch zwei Jahre später, und hat den Vogelangriff relativ unbeschadet überstanden.

Calumma parsonii parsonii
Calumma parsonii parsonii

Der Tag klingt aus mit nettem Beisammensein auf der Veranda, wobei das Niveau anscheinend schon in Tana auf irgendeinen Baum gesprungen ist und seitdem nicht wieder gesehen wurde.  Macht aber nix, genau dazu ist Urlaub da. Es gibt Zebu Beef Burger und grandiose frittierte Bananen mit Honig. Unglaublich lecker, ein Genuss. Ich versteh nur nicht, warum viele aus der Gruppe vom Frühstück bis zum Abendessen nix essen. Ich war gegen 19 Uhr jedenfalls schon gefühlt kurz vorm Verhungern.  Und Verdursten, denn im Regenwald gab’s kein kaltes THB.

Die Klamotten haben inzwischen bis zu den Knien (nein, eigentlich auch darüber) eine dezente rote Schlammfarbe angenommen, der ehemals weiße Pulli ist braunrot mit Grasbrösel-Deko. Und nur um zu klären, wie man auf die verrückte Idee kommt, ausgerechnet einen weißen Puma-Pulli mit in den Regenwald zu nehmen: Der hatte schon nicht rauswaschbare Jodflecken, das war also eh egal.

Phelsuma lineata
Phelsuma lineata

Untendrunter gab’s heute gratis dazu ein paar fette Kratzer von stacheligen Büschen und ein großes Hämatom am linken Knie, weil ich unter den Sifakas mal mit Schwung gegen einen fies aus dem Boden ragenden, ehemals wohl mal herunter gestürzten Ast gelaufen bin. Lerne: Im Regenwald lohnt es sich, weniger oft in die Luft, dafür öfter auch mal auf den Boden zu gucken.

Nachts wird es hier ziemlich kalt. Ich hab eisige Füße und das Bett ist klamm. Bisschen wie Zeltlager für Erwachsene. Aber dank des Regens gibt’s auch ein kleines Froschkonzert zum Einschlafen. Der Dorfhahn und die Lemuren werden schon früh genug zum Wecken antreten.

Veröffentlicht von Alex

Alex ist 33 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.

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