Südwesten 2017

Der Schmetterling des Todes

Furcifer labordi
Kein Schmetterling, aber auch schön: Furcifer labordi

Früh am Morgen geht es los. Ich packe meinen Koffer, ziehe ihn die Galerie entlang und steige die Treppe nach unten. Vor dem Hotel stehen bereits zwei Geländewagen samt Fahrern, und wir laden Taschen und Gepäck von Andrys Bus in die Geländewagen um. Christian ist auch schon da. Er hat eine riesige, blau-weiße Kühlbox dabei, mit einer Menge Getränken darin. Es dauert, bis alle ihre Sachen in den Autos verstaut haben. Ich schlendere durch den Hof auf die Rückseite des Hotelgebäudes. Dort sitzt ein armseliger Maki, angebunden an einen Pfosten. Gefüttert wird er offenbar mit Hundefutter, und der Wassernapf ist umgeworfen. Ich mache unauffällig ein Foto des illegalen pet lemur – der arme Kerl ist dann hoffentlich demnächst nicht mehr dort, sondern konfisziert.

Endlich geht es los. Wir fahren ein paar Straßen weit, dann halten wir gegenüber einiger Marktstände an einem kleinen, herunter gekommenen Steingebäude. Innendrin gibt es alte Holztische, die mit schmutzigen Wachstischdecken überzogen wurden. Hier gibt’s Frühstück, oder vielmehr Kaffee und Tee. José organisiert außerdem  noch Reiskuchen aus irgendeiner Fettpfanne zweier Frauen draußen: Kleine, runde, leicht angebrannte Küchlein aus Reisteig, die ein bisschen nach Nichts schmecken. Für ein kleines Frühstück reichen sie aber bestens.

Nach dem Frühstück steigen wir wieder in die Geländewagen. Über die rote Piste geht es über die Baobab-Allee Richtung Kirindy. An der Baobab-Allee selbst halten wir natürlich nochmal an, um einige Fotos im Hellen und ohne Sonnenuntergang zu schießen. Heute früh sind kaum andere Reisende auf der Allee. Ein paar Sakalava-Frauen in bunten Lambas tragen Feuerholz, Wäsche und Reis von hier nach da, einzelne Charettes mit vorgespannten Zebus rumpeln über den Lehmboden. Gegenüber des Parkplatzes fesselt jedoch etwas ganz anderes meine Aufmerksamkeit: In der riesigen, uralten Tamarinde, unter die eine kleine Infohütte steht, befindet sich eine ganze Kolonie Sakalava-Weber. Die kleinen, gelb-weißen Vögel mit den kurzen Schnäbeln bauen gerade Nester. Einige Dutzend fliegen ständig aus und ein, schleppen Nistmaterial zu ihren Nestern und fangen Insekten. Ein guter Zeitpunkt, mein neues Teleobjektiv zu testen. Die Schieferfalken sitzen noch verschlafen in den Baobabs, so dass man sie kaum erkennen kann.

Baobab-Allee
Die Baobab-Allee am Morgen, ganz ohne Heerscharen von Touristen

Nach über einer Stunde haben alle sich “ausfotografiert”, und wir steigen wieder in die Wagen. Der Weg führt zwischen den Baobabs hindurch weiter, dem orangefarbenen Lehmweg folgend. Es geht vorbei an mannshohem Gestüpp, aber sonst ist hier nicht viel übrig geblieben vom ehemaligen Trockenwald.

Nach vielen Kilometern halten wir in einem kleinen Dorf. Rechts sind einige Marktstände unter einem Dach, und Dimby hat Honigflaschen erspäht. Die Autos halten im Schatten eines großen Tamarindenbaums. Ich steige aus und schlendere mit Dimby zu den Ständen, sage freundlich Hallo und schaue mich ein bisschen um. Dimby übernimmt die Sache mit dem Honig, denn es gibt verschiedene zur Auswahl und natürlich gibt es gleich Diskussionen, von wem er kaufen soll. So billig, wie der Honig hier ist, nehmen wir am Ende drei Liter mit, so dass jeder Verkäufer bedient wird. Der Honig stammt von wilden Bienen, und entsprechend ist es nicht ganz ungefährlich, ihn zu ernten. Aber wahnsinnig lecker schmeckt er! An einem Marktstand daneben werden gelbliche, schmale Wurzeln angeboten. Sie sind schon gekocht, und für 100 Ariary probiere ich gleich mal. Schmeckt ein bisschen wie Maniok, und ist mehr Schälarbeit. Um uns herum sind inzwischen einige Männer aufgetaucht. Viele davon sind in traditionelle Lambas gekleidet, und tragen Speere mit sich. Wobei, Speere ist vielleicht übertrieben. Es ist simpler Torstahl, gut 2,50 m lang, dessen Ende zu einer fiesen, scharfen Speerspitze geformt wurde. So ein Ding möchte ich nicht abkriegen, denn das dürfte ziemliche Löcher in Körperteile machen. Zum Glück sind die Männer völlig friedlich – jedenfalls uns gegenüber.

Auf dem Weg nach Kirindy

Mit dem frischen, duftenden Honig bewaffnet, steigen wir wieder in die Autos und fahren weiter über die staubige Piste. In Kirindy Village halten wir an. Zwischen ein paar großen, dicken Baobabs – Adansonia rubrostipa – finden wir ein paar Mütter mit ihren Kindern. Ich habe Christian gefragt, ob es hier wohl viele Kinder gibt. Ich habe mit Dimbys Unterstützung Malbücher entworfen und drucken lassen, und davon haben wir eine Menge dabei. Christian bittet die Eltern, die Kinder des Dorfes zusammenzurufen. Und als klar wird, dass es bei Dimby und mir Malbücher und Buntstifte gibt, kommen sie aus allen Ecken zusammen. In Windeseile sind wir umringt von bestimmt 40 Kindern. Soviele Malbücher hatten wir gar nicht eingeplant. Ist aber nicht schlimm, Christian kann aus unserem Vorrat auf dem Rückweg noch welche mitbringen. Eins nach dem anderen verteile ich die Malbücher in die kleinen, dunkelhäutigen Hände. Strahlende Augen überall. Wir versprechen hoch und heilig, noch mehr nachzuliefern. Zu meiner Freude nehmen sich auf die Frauen der Malbücher an. Sie lesen den Kindern vor, und zeigen ihnen, in welchen Farben man welche Tiere ausmalt. Wahrscheinlich haben sie aber ganz einfach selbst Spaß am Ausmalen.

Kirindy village

Schließlich müssen wir weiter. Die Geländewagen bringen uns über eine kurze, etwas nasse Buckelpiste durch ein Stück Trockenwald bis zum Campground von Kirindy. Am Eingang wird gerade ein Betonuntergrund für ein Schild gebaut. Daneben liegt ein großer Platz, hinter dem ein offenes, hölzernes Gebäude mit Blätterdach steht. Es ist wohl das Restaurant, denn unter dem Dach befindet sich eine lange Theke und viele hübsche Tische und Stühle. Links steht ein Kasten, der das Schlafgebäude für Studenten und Wissenschaftler sein soll. Rechts stehen etwas versteckt zwischen den Bäumen ein paar Bungalows. Ein junger Mann begrüßt uns, freut sich über unsere Ankunft und verteilt die Schlüssel zu den Bungalows. Aber bevor wir das Gepäck holen können, ruft Christian uns schon hinter dem Restaurant. „The Fossa is there!“ Was, echt jetzt? Keine fünf Minuten angekommen und da rennen schon Fossas rum? Aber es ist tatsächlich so: Gotcha, ein im Camp recht bekanntes Fossamännchen, streicht hinter der Restaurantküche herum. Besonders scheu ist er nicht, verschwindet aber leider schnell wieder. Ich schwitze wie irre, da ich hinter das Gebäude gerannt bin, um das Tier noch zu sehen. Leider hatte ich so spontan meine Kamera nicht dabei, also bleibt es erstmal bei dieser kurzen Sichtung.

Kirindy
Das Restaurant und die “Madame” von Kirindy direkt davor

Dann geht es zu den Bungalows. Tanala und ich haben Nr. 3. Es ist ein hübsches, aus Holzstämmen erbautes, rustikales Bungalow auf kleinen Stelzen, inmitten des Trockenwaldes. Innen ist es ziemlich dunkel, und die schwarzen Möbel verbessern das nicht. Aber es gibt ein Moskitonetz und ein abgetrenntes Bad, vielleicht etwas rudimentär aus Beton, aber immerhin hat es eine Kloschüssel. Als ich meine Tasche öffne, fällt mir als erstes auf, dass ich eine Decke zu viel eingepackt habe. Die blauschwarze gehört wohl dem Hotel in Morondava. Gut, bring ich dann einfach wieder mit zurück. Was es an Krabbeltieren alles in unserer Hütte gibt, weiß ich nicht, und deshalb ziehe ich den Reißverschluss der Tasche lieber gleich wieder zu. Achja, Wasser ist momentan leider gerade aus. Aber eine junge Frau kommt mit einem gelben Kanister voll Wasser aus dem camp-eigenen Brunnen vorbei, das wir zur Klospülung und zum Duschen verwenden können.

Sanzinia madagascariensis
Sanzinia madagascariensis

Christian ist derweil schon irgendwo zwischen den Bungalows unterwegs auf der Suche nach Tieren. Und er ist schon bald erfolgreich: Zu meiner großen Begeisterung findet er ein wunderschönes, neongrün-weiß gestreiftes Furcifer labordi-Männchen. Ein wun-der-schö-nes kleines Tier. Und das kurzlebigste Chamäleon der Welt, denn zur Trockenzeit stirbt fast die gesamte Population, und überlebt über Monate hin nur als Embryonen in Eiern. Dimby hat nur wenige Meter davon eine große Sanzinia madagascariensis gefunden, die sich um einen dicken Ast gewickelt hat und eher träge durch die Gegend schaut. Das Chamäleon dagegen ist alles andere als träge, es rennt hin und her. Von der Hitze aufgewärmt kommt es kaum zur Ruhe. Es ist schon nach zwei Minuten echt anstrengend, hier nur die Kamera in der Hand zu halten. Apropos Hitze – Hitze ist hier eigentlich der falsche Begriff. Es ist eine unglaublich extreme Hitze. Der Schweiß läuft ununterbrochen, und innerhalb weniger Minuten nach Ankunft in Kirindy bin ich durchgeschwitzt bis auf die Unterhose. Und das bei wenig Aktivität.

Furcifer labordi
Furcifer labordi

Um Mittag herum versammeln wir uns an einem langen Tisch unter dem Dach des Restaurants. Es ist wirklich hübsch angelegt, mit einer Menge Plakate rundherum an den Wänden, die verschiedene Tiere aus Kirindy zeigen. Nur Reptilien sind reichlich unterrepräsentiert. Mmmh… ob man das wohl mal ändern kann? Die Jungs in der Küche sind super bemüht und richten das Mittagessen sehr hübsch an. Ich begnüge mich mit Gemüse, bei der Hitze geht einfach nicht mehr. Dafür trinke ich innerhalb weniger Stunden diverse Liter Wasser und Cola. Ich habe das Gefühl, dass alles, was ich oben reinschütte, direkt wieder ausgeschwitzt wird. Entsprechend hänge ich erstmal den Nachmittag über auf einem Stuhl und akklimatisiere mich so langsam. Zwischendurch schlendere ich ein bisschen auf dem Campground herum, um nach Tieren zu schauen. Naja, schlender, ich hüpfe von Schattenfleck zu Schattenfleck. Tatsächlich findet sich in einem Baum unweit des Restaurants ein junges Furcifer oustaleti, das direkt vor meinen Augen einen orangefarbenen Schmetterling schießt, der größer ist als der Kopf des jungen Chamäleons. Ein weiteres, aber knallgrünes Furcifer oustaleti-Jungtier sitzt in einem eingetopften Bäumchen direkt vor dem Studenten-Dormitory, in dem auch Dimby und José übernachten. Strom gibt es übrigens nur im Restaurant, und nur am Abend. Tagsüber laufen die Solarpanels auf dem Dach, verbunden damit sind die Bungalows aber nicht. Das Handynetz ist hier auch eher mau. Es gibt allerdings eine Stelle auf dem staubigen Platz vor dem Restaurant, wo es einen Hauch von Empfang gibt. An einen dicken Baum ist ein kleines, hölzernes Brett angeschlagen. Die Handy-Ablage: Dort legt man sein Handy hin und wartet, bis man Empfang hat. Dann kann man, auf einem kaputten Anhänger stehend, telefonieren.

Als es gegen 18 Uhr dunkel wird, machen wir uns bereit für eine kleine Nachtwanderung. Klein ist vielleicht das falsche Wort, aber zum Glück weiß ich das noch nicht, als wir losfahren. Wir steigen in zwei Autos, und unsere Fahrer aus Morondava fahren ein paar Kilometer einen breiten Pfad entlang, dann biegen sie irgendwo ab. Der Weg wird schmaler, Äste und Gebüsch ragen in den Weg, das Gras ist kniehoch. Wir fahren bis zu einer schmalen Lichtung. In völliger Dunkelheit steigen wir aus. An einem schmalen Bäumchen hängt ein kleines Blechschild, CS12 steht darauf. Der Wald von Kirindy ist in Planquadrate unterteilt, und diese sind einfach mit Buchstaben und Zahlen durchnummeriert. Christian geht vor, und unsere kleine Gruppe folgt im Gänsemarsch. Der Wald ist hier nicht sehr hoch, aber enorm dicht, und besteht vorwiegend aus sehr schmalen, dünnen Bäumen. Christian sucht sich ein langes Stöckchen, dessen Bedeutung mir erst später klar wird: Während des Laufens wischt er damit ständig wie ein Dirigent im Takt vor seinem Gesicht rum – und entfernt damit alle Spinnweben, die die schmalen Pfade überspannen. Und davon gibt es reichlich. Rechts und links sind überall Spinnennetze mit grün-roten Spinnen darin. Auch über den Weg spannen sich reichlich Netze. Ich laufe dicht hinter Christian, da bekomme ich nämlich nichts von den Achtbeinern ab.

Wenn man auf den Boden schaut, begegnet man hier im Wald übrigens so allerlei Chamäleons. Alle paar Meter sitzen Jungtiere von Brookesia brygooi, winzige Erdchamäleons, auf dünnen Grashälmchen gerade mal zehn Zentimeter über dem Boden. Als ich gerade auf dem Boden herumrobbe, um ein Foto von einem der Winzlinge zu machen, höre ich hinter mir lautes Geschrei. Anna wurde von einer Motte attackiert, die ins Licht ihrer Kopflampe fliegen wollte – und damit genau in Annas Gesicht. Wer sich dabei mehr erschrocken hat, weiß man nicht so genau. Die Motte stellt sich außerdem als großer, wunderschöner Schmetterling heraus. Was lernt man daraus? Kopflampe ausschalten, wenn einem etwas ins Gesicht fliegt. Fällt einem aber wahrscheinlich, wenn man gerade Panik hat, nicht so schnell ein. Der Schmetterling des Todes verfolgt Anna für den Rest des Urlaubes.

Paroedura bastardi
Paroedura bastardi

Irgendwo, ich trudele inzwischen am Ende der Gruppe mit Dimby und José vor mich hin, tippt Dimby irgendwo ins Gebüsch. Ein junges Furcifer oustaleti? Alle gehen vorbei, nur ich warte für ein schnelles Foto. Als wir vorsichtig das Blatt vor dem kleinen Chamäleon lüften, staune ich allerdings nicht schlecht. Das ist doch kein Furcifer oustaleti! Wenn das mal nicht eines der vielgesuchten und noch öfter verwechselten Furcifer nicosiai ist? Wir rätseln eine Weile und machen ein paar Fotos. Die anderen sind schon vorbeigezogen, von dem „langweiligen“ Tier wollte niemand Bilder. Manchmal muss man in Kirindy eben sehr genau hinsehen, um die echten Schätze zu finden.

Furcifer nicosiai
Furcifer nicosiai

Der Weg scheint endlos. Ich habe längst jede Orientierung verloren, und die Motivation hat sich in irgendeinem Termitennest verlaufen. Alle Wege sehen gleich aus, jedes Gebüsch sieht aus wie das vorherige. Und die schnurgeraden, im 90°-Winkel voneinander abgehenden Wege tun ihr Übriges, dass ich langsam müde werde. Inzwischen sind wir fast vier Stunden unterwegs. Mein Arm wird schwer von dem riesigen Tele-Objektiv, und es hat immer noch 31°C. Ich bin klatschnass geschwitzt, müde und durstig. Schließlich bitten wir Christian, dass wir uns langsam auf den Rückweg machen möchten. Er wäre wahrscheinlich noch Stunden weiter gelaufen, schließlich wollte er noch eine Blattnasennatter finden. Nach geschlagenen vier Stunden treten wir wieder aus dem dichten Wald heraus auf die kleine Lichtung, wo die beiden Autos stehen. Sie bringen uns ruckelig zurück zum Camp.

Keiner kann mehr viel trinken oder essen, obwohl Christian und ein Fahrer uns am Nachmittag extra noch Eis aus Morondava geholt haben, um die Getränke zu kühlen. Also direkt ab ins Bett. Ich habe Kopfweh und meine Augen sind wirklich matschig vom ewigen Auf und Ab der Stirnlampe. Was für ein Tag!

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Published by Alex

Alex ist 31 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.