Nordwesten 2020

Dann bleiben wir eben hier

Schon kurz nach Sonnenaufgang bin ich wach. Auf dem Meer tuckert die uralte, schrottreife Fähre nach Nosy Be langsam ihrem Ziel entgegen. Die Wellen plätschern gegen die steinerne Befestigung des Bungalows. Es ist bereits richtig warm, eine Dusche lohnt sich schon. Bei der Gelegenheit stelle ich fest, dass nicht die Kissen komisch muffig riechen, sondern meine geflochtenen Haare. Deshalb wasche ich sie gleich fünf Mal hintereinander mit ordentlich Shampoo. Danach riechen meine Haare nach Kokos und Muff. Naja.

Erst zwei Stunden später fahren wir gemütlich in den Hafen von Ankify zum Frühstück. Es ist deutlich mehr los als gestern, ist ja auch Montag heute. Aber immer noch haben nur wenige Geschäfte offen. Viele Taxibrousse kommen und fahren ab, jeweils begleitet vom lautstarken Geschrei der Fahrer und ihrer Helfer, sobald reisewillige potenzielle Kunden mit dem Boot ankommen. Lars und Jutta testen den Fisch mit Sakay und bleischwere, dichte Teigkugeln, mofo gasy. Ich frühstücke drei sehr leckere, frittierte Bananen. Eine schwarzgraue, strubbelige Hündin findet sich neben dem Tisch ein. Die Jungs werfen ihr Fischköpfe zu, die sie gierig auffrisst. Viel bekommt sie hier wohl sonst nicht ab. Zum Frühstück gibt es sehr dunklen, etwas angebrannten Kaffee. Ich wundere mich ein bisschen: Fast jeder hier arbeitet auf Kaffeeplantagen, aber niemand kann gescheit Kaffee rösten? Dann nehme ich noch drei kleine Küchlein namens kek mit fürs Mittagessen. Bevor wir zurück fahren können, entdeckt Dimby noch, dass einem Reifen Luft fehlt. Spontan holt er eine kleine, schwarze Tasche aus dem Auto. Und fördert eine kleine Pumpe zu Tage, die man einfach an die Autobatterie anschließen kann. Die miese Straße gestern hat wohl ein Loch im Reifen verursacht. Aber hier weiß man sich zu helfen! In wenigen Minuten ist der Reifen wieder fahrtüchtig.

Zurück im Hotel herrscht Krisenstimmung. Also, immerhin am Strand vor unserem ehemaligen Bungalow, da ist wenigstens die Aussicht schön. Nach und nach trudeln alle ein. Die eine Hälfte im Badeoutfit, die andere in Trekkingklamotten und Boots. Mangels Stühlen sitzen wir auf dem Boden im Sand. Frank telefoniert mit seinem Reisebüro in Deutschland wegen der Flüge. Philipp telefoniert mit drei verschiedenen Personen in einer Art Restebüro der ehemaligen deutschen Botschaft in Antananarivo. So richtig helfen kann oder will uns niemand. Die Botschaft-Reste sagen „Verschwinden Sie schnell aus Madagaskar!“, aber wie wir das machen sollen, wissen sie auch nicht. Dimby und José zeigen Fotos vom Flughafen Fascene auf Nosy Be: Völlig überfüllte Wartehallen, Hunderte von Menschen wollen weg von der Insel. Aber es gehen keine Flüge bzw. die, die gehen, sind völlig überbucht. Nach diversen Telefonaten, unzähligen Whatsapps und E-Mail steht vorerst fest: Der Lockdown wird wohl kommen. Allerdings haben wir in der aktuellen Lage keine reale Chance, nach Antananarivo zu kommen und noch einen regulären Flug vor Donnerstag zu bekommen. Philipp will das zwar versuchen, scheitert aber nach weiteren zig Telefonaten. Franks Reisebüro behauptet, unsere Flüge (deren Datum eine gute Woche nach dem Lockdown liegt!) würden alle fliegen wie geplant. Ergo wird gemeinschaftlich entschieden: Dann bleiben wir eben hier. Entweder gehen alle Flüge wie geplant – dann ist sowieso alles in Ordnung. Und wenn nicht: Es gibt schlechtere Orte, um im schlechtesten Fall 30 Tage Lockdown auszusitzen. Nichtsdestotrotz versuchen alle, sich auf dem Laufenden zu halten, falls sich die Lage verschlechtert oder ändert. Noch immer gibt es keinen einzigen Corona-Fall auf Madagaskar.

Damit die Laune nicht auf dem Nullpunkt bleibt, beschließe ich, den vorhandenen Strand und das Meer wenigstens zu genießen. Trübsal blasen führt auch nicht zu besserer Laune und hat momentan einfach keinerlei Sinn. Ich plantsche also eine Runde im Meer. Ein leichter Wind geht. Es ist super gut auszuhalten im warmen Wasser. Eine Piroge mit Segel hält auf den Strand zu. Einige Männer liefern neue Palmblätter-Teile für die neuen Dächer. Der Angestellte des Hotels, der für die Arbeiten zuständig sein soll, liegt im Sand. Und macht genau nix. Tanala fragt ihn nach einem Besen, um kurz mal den Strand zu fegen, und Stühlen. Stühle gibt’s, Besen oder Rechen nicht. Kaum ist die Palmblatt-Piroge verschwunden, hält ein zweites Boot auf den Strand zu. Diesmal steigen mehrere junge Männer aus, darunter vermeintliche Dachdecker. Der Sohn der Hotelbesitzerin, der „Madame“, ist auch dabei. Er erzählt Dimby und Tanala, dass seine Mutter vor rund zwei Monaten verstorben sei. Das Restaurant sei übrigens nur auf Anmeldung geöffnet.Gegen Mittag verziehen sich alle zu einem kleinen Nickerchen in die Bungalows. Der Wind ist weg, dafür macht sich schwitzige Tropenhitze breit. Vorher muss aber noch Dimbys Fuß versorgt werden. Er ist gestern Abend – vermutlich nach dem Genuss von Mikas berüchtigter Rum-Mischung – barfuß beim Pinkeln im Gebüsch von irgendwas gebissen worden. War’s ein Skolopender oder eine Schlange? Das werden wir wohl nicht mehr herausfinden. Der Fuß ist jedenfalls sehr dick und nicht mehr nur crampy wie am Morgen. Also gibt es aus der Hausapotheke nach Verschreibung unseres Doktors eine Runde Antibiose, Schmerzmittel, Cortison und Magenschutz. Dimby zieht mit seinem Tabletten-Arsenal zu seinem Zelt ab. Fitah interessiert sich schon mal vorsorglich für Dimbys Schuhe, falls er die demnächst nicht mehr brauchen sollte.

Ich wache auf, als es draußen gewaltig knallt, wie bei einem Kanonenschuss. Müde drehe ich mich um, da knallt es ein zweites Mal. Jetzt siegt doch die Neugier. Ich tapere auf die Terrasse und schaue übers Meer. Es ist weit und breit nichts zu sehen außer ein paar Segelbooten weit entfernt. Und ein paar Menschen, die bei Ebbe auf den Sandbänken herumlaufen und Krebse sammeln. Zwei Nachtreiher staksen in den Prielen auf der Suche nach kleinen Schalentieren.

Am Nachmittag unternehmen wir eine kleine Runde zur Fotografie ins Wäldchen unweit des Hotels. Wäldchen ist vielleicht nicht ganz passend, es sind mehrheitlich Kaffee- und Kakaoplantagen mit Pfeffer zwischendrin. Aber an einem kleinen Bächlein mitten in diesem tropischen Grün findet man in der üppigen Sekundärvegetation einiges an Reptilien. Wir entdecken zwei Paroedura – sehr fotogene, hübsche Geckos. Lars hat irgendwie keinen Vertrag mit den Geckos geschlossen, er wird mehrfach von einem in den Finger gebissen. Frank und Philipp entdecken einen winzigen Frosch namens Stumpffia pygmea, der Erstfund dieser Art für Ankify. Am Bachlauf gibt es auch etwas größere, aber trotzdem winzige Mantellen. Die sind bunter und fotogener, aber nicht weniger sprunghaft. Und es ist nicht so einfach, zwischen Stechmücken, nassen Füßen und glitschigen Bachsteinen ein gescheites Foto zu bekommen. Wenn man nicht aufpasst, verschwinden die winzigen Frösche mit nur einem Sprung ins Laub oder unter einen Stein im Bachlauf. Zum Schluss finden sich sogar zwei ausgewachsene Pantherchamäleon-Männchen, beide mit wirklich tollen Farben. Eines davon sitzt seelenruhig auf einem Ast, wie ein kleiner dicker Mehlsack. Es stört sich überhaupt nicht daran, dass Menschen Fotos von ihm machen wollen. Anscheinend ist der kleine Herr sich seinen schönen Farben durchaus bewusst. Ein wunderschönes, großes Blattnasennatter-Männchen findet sich ebenfalls noch ein. Ein sehr erfolgreiches Fotoshooting!

Paroedura stumpffi

Zum Abendessen geht es wieder an den Hafen. Es ist dunkel, als wir ankommen. In den Gebäuden, auf den Straßen und Wegen des Hafens ist viel los. Neben den geparkten Geländewägen steht ein rostiges Taxibrousse, dessen Hinterachse komplett fehlt. Es steht kipplig auf einer Konstruktion aus Holzpfählen und Backsteinen. Gegenüber der Garküche von Mama Bes Tochter hat auch der kleine Getränkeladen mit dem uralten Fernseher wieder offen. Die obere Hälfte des Holzverschlags ist geöffnet und eine ganze Gruppe junger Männer drängelt sich davor. Ich entdecke rasch, weshalb sich so viele dort drängeln. Auf dem altersschwachen Röhrenfernseher oben in der Ecke laufen madagassische Musikclips. Mit vielen wackelnden Hintern, fliegenden Rastazöpfen und schnellen Bässen.

Wir schieben Tische, Hocker und Stühle zu einer Reihe zusammen. Der beige Hund ist wieder da und schnappt hier und da Essensreste auf. Mama Bes Tochter serviert frittierte Pommes und heiße Brochettes direkt vom Grill. Die schmecken klasse, man hat allerdings sehr lange davon. Zurück im Restaurant des Hotels sitzen alle noch kurz zusammen. Draußen ist es stockfinster. Ein wahnsinniger, wunderschöner Sternenhimmel spannt sich über den Strand. Und eine angenehme Brise weht durch das Restaurant. Katie und Philipp wollen nochmal an den Strand nahe der Mangroven gehen und nach Schlammspringern suchen, Frank schließt sich ihnen an. Alle übrigen bleiben gemütlich in den Sesseln, man quatscht und trinkt noch ein spätes Bier. Und man rätselt, ob Ingwer oder Knoblauch der Grund für die wiederkehrenden Brochettes sein könnte. Und wie man eine Urinella korrekt benutzt. Dimbys Fuß ist übrigens dank der Medikation wesentlich besser als noch heute früh. Trotzdem raten ihm alle geschlossen, heute Nacht lieber die Schuhe anzubehalten.

Veröffentlicht von Alex

Alex ist 33 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.

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