Norden 2016

Mit dem Boot nach Nosy Be

Ankify
Ankify

Ich wache noch vor Sonnenaufgang auf, weil vor dem Bungalow Stimmen zu hören sind. Im gedämpften Ton – der offenbar nichts nutzt, ich bin ja schon wach – unterhalten sich mindestens zwei oder drei Leute direkt auf der Terasse des Bungalows. Es sind José, Ines und Tanala, die Fotos des Sonnenaufgangs machen wollen. Ich drehe mich nochmal um und schlafe weiter.

Später als gewohnt stehe ich dann doch noch auf. Ich verzichte heute auf das hoteleigene Frühstück. Mika, Gris, Dimby, José, Eric, Andry und Choa sind zum Frühstücken zum Hafen gefahren. Und netterweise bringen sie mir von dort noch warme Mofo mamy, kleine frittierte Teigbällchen, in eingerolltem Zeitungspapier mit. Nomnomnom, das ist doch besser als das Luftbaguette.

Um acht sammeln sich alle auf dem Parkplatz. Mit den Autos fahren wir zum Hafen von Ankify und parken am Straßenrand. Dann schultere ich meinen Fotorucksack und laufe den anderen hinterher zu dem großen Metalltor, das den Zutritt zum Hafen inzwischen versperrt. Ein wichtig aussehender Mensch mit einem Schlüsselband um, an dem irgendein eingeschweißter Ausweis hängt, kontrolliert die Reisepässe – wozu auch immer das gut ist, denn die Madagassen nebendran laufen einfach an uns vorbei. Über einen langen Steg geht es zur Cyclone II, einem weiß-blauen Boot mit Dach mit einem Bootsfahrer namens Choa malaza, der „berühmte Choa“. Berühmt ist er angeblich wegen des Motorbootes, oder wegen seiner Fahrkünste. So genau finde ich es nicht heraus. Neben unserem Boot liegen noch weitere Boote, die auch alle nach Nosy Be wollen. In einem davon sitzen bereits gut zehn Leute, und gerade wird eine Ziege ins Boot geladen, die sich allerdings eher weigert. Dazu kommen noch Unmengen gelber Plastikkanister. Die Cyclone II dagegen ist nur mit unserer Gruppe beladen, und mit unserem Team ist das Boot auch schon voll.

Rückwärts fährt Choa malaza aus dem Hafen heraus, und gibt dann Vollgas. Wir brausen auf Nosy Komba zu. Das Meer ist ruhig und die Fahrt kühlt, der Wind weht mir fast das Kopftuch vom Kopf. Dann fahren wir an Nosy Komba vorbei und nehmen Kurs auf Nosy Be. Der letzte Regenwald der Insel, der Nationalpark Lokobe, liegt als kleiner Hügel direkt vor uns. Nur scheint es keinen Steg oder Sandstrand zum Anlegen zu geben. Wir dümpeln ein wenig mit dem Boot vor dem Wald. Hier konnte man früher mal nach Lokobe rein, erinnert sich Tanala. Heute anscheinend aber nicht mehr, denn kein Mensch ist am Strand zu sehen. Dann fragt Choa malaza einen Fischer, der gerade in seiner Piroge auf dem Meer an einem kleinen Netz nestelt. Der meint, wir müssten weiter Richtung Hellville, der Hauptstadt von Nosy Be, fahren. In der Richtung sei der Parkeingang, hier sei nichts mehr. Choa gibt Gas und fährt weiter. Tatsächlich taucht nach kurzer Zeit eine Ansammlung kleiner weiß-gelber Häuser mit grünen Dächern am Rand des Waldes auf. Es ist das Park Office von MNP. Nur: Das Meer vor der Insel ist voller Korallentürme, die bis kurz unter die Wasseroberfläche reichen. Ein wunderschöner Korallengarten! Sogar eine Wasserschildkröte entdeckt Steffi.  Hier kommt kein Boot durch. Choa stoppt den Motor und versucht, sich an leeren Stellen durch die Korallen zu bugsieren.

Schließlich ruft Dimby Gérard an, der die Verwaltung des Parks aktuell leitet. Der erklärt nun telefonisch, wo genau man das Boot durch die Korallen bugsieren kann, ohne den Korallengarten zu beschädigen. Choa bekommt es tatsächlich hin. Nur einmal kratzen wir an einem hohen Korallenturm vorbei. Unmengen kleiner, bunter Fische schwimmen unter dem Boot durch. Schließlich landen wir an einem steinigen, groben Strand.

Nacheinander steigen alle aus, dann laufen wir über die Steine in Richtung des weißen Gebäudes. Gérard kommt uns entgegen – er und Tanala kennen sich schon lange, haben sich aber einige Jahre schon nicht gesehen. Die Begrüßung fällt herzlich aus, und Gérard plappert direkt drauflos. Was er hier treibt, dass er noch Guides anlernen möchte für den Park, und was er alles aufbauen möchte hier. Im Gegensatz zu der Touristenzahl, die Nosy Be jährlich besucht, fallen die Ausflüge derselben Touristen in den Nationalpark bisher spärlich aus. Wir steigen den Hügel zum MNP-Office durch dichtes Gras nach oben, und warten kurz, bis die Tickets erworben sind. José findet am Fuße des Hügels bereits ein Pantherchamäleon-Männchen, mit den typischen grün-türkisen Farben der hiesigen Lokalform. Es ist aber noch sehr jung, und hat es furchtbar eilig, wieder ins hohe Gras zu verschwinden.

Furcifer pardalis
Furcifer pardalis

Dann laufen wir zu einem breiten Waldweg, wo tatsächlich ein Schild steht und besagt, hier sei der Parkeingang. Guides gibt es in Lokobe noch keine, man geht also ohne durch den Wald. Noch direkt gegenüber des Parkeingangs taucht ein weiteres, aber größeres Pantherchamäleon-Männchen auf. Das dazu passende Weibchen läuft gerade über den Boden, als die ersten loslaufen wollen Richtung Rundweg.

Schließlich setzen sich nach und nach alle in Bewegung. Wir laufen ein Stück parallel zum Strand auf einem breiten Weg, dann biegen wir in einen etwas schmaleren Pfad ein. Der Wald ist wirklich toll. Überall liegen riesige Findlinge, und kleine Bäche schlängeln sich durch den Wald.  Der Weg hat teilweise sogar ein Holzgeländer. Bemooste Lianen ranken sich von den riesigen Bäumen nach unten, der Anblick ist beeindruckend. Unmengen Drachenbäume stehen rechts und links des Weges. Es geht viele, viele Treppen nach oben. Irgendwo an der Treppe tauchen Mohrenmakis auf. Sie kommen nicht allzu nahe, sondern schauen lieber mit ein wenig Distanz, wer sich da gerade in ihrem Reich bewegt.

Thamnosophis stumpffi

Mehr und mehr Treppen steigen wir hinauf. Besteht der Weg denn wirklich nur aus Treppen? Irgendwann, hinter einem Stein mit der Aufschrift „350“, erfahre ich: Ja, das tut er. Das hier ist der längste befestigte Weg in Lokobe, und er besteht aus einer kilometerlangen, steilen Treppe bis zum Aussichtspunkt. Ich bin klatschnass geschwitzt, und habe langsam die Nase voll von sovielen Treppen. Auch den anderen tropft der Schweiß von Nase und Armen. Ich beschließe  zusammen mit ein paar anderen, nicht bis ganz oben zu laufen, sondern lieber in Ruhe nach Tieren zu suchen. Denn das kommt viel zu kurz, wenn man nur mit Treppensteigen beschäftigt ist. Direkt am Wegrand finde ich eine kleine Gasteracantha thorelli, eine ganz kleine, bunte Spinne mit obskuren Hörnern am Körper, die nur hier auf der Insel vorkommt. José findet außerdem eine winzige, junge Schlange direkt auf einer Stufe – noch ein richtiger Schnürsenkel. Ein paar Meter weiter oben auf einem Felsen sitzt ein junges Brookesia stumpffi. Dimby und José machen Fotos davon, ich setze mich etwas weiter unten auf einen Felsen und verschnaufe. Vielleicht läuft mir ja einfach was vor die Kamera, wenn ich warte? Und tatsächlich: Ein weiteres Brookesia stumpffi, diesmal adult, krabbelt direkt vor meinen Füßen über einen moosigen Felsen. Ein knallroter Tausendfüßler mit orangefarbenen Füßen gesellt sich auch zur illustren Verschnaufpausenrunde.

Schließlich kommen nach und nach alle wieder vom Aussichtspunkt herunter. Choa, der wegen seiner Jammereien in Ankarafantsika von allen aufgezogen wurde, hat sich heute übrigens bis ganz oben durchgekämpft. Entsprechend stolz, aber müde ist er. Langsam laufen wir die Treppen nach unten. Der Regenwald hier ist wirklich schön, nur fehlt es eben an begehbaren Wegen, auf denen man richtig gut nach Tieren suchen könnte. Es gibt hier nämlich zum Beispiel noch Brookesia minima, das zweitkleinste Chamäleon der Welt. Aber das ohne ortskundigen Guide zu finden, dürfte schwierig werden.

Nosy Be
Im Wald von Lokobe

Wir kehren wieder zurück zum Park Office, verabschieden uns von Gérard und steigen am Strand in das auf uns wartende Motorboot. Choa malaza kennt nun den Weg durch die Korallen und lenkt uns sicher wieder nach draußen. Über das Meer, das immernoch erstaunlich ruhig ist, brausen wir zurück nach Ankify. Choa setzt uns direkt vor dem Hotel im knietiefen Wasser ab. Und das stehende Wasser ist kochend heiß! Eilig springe ich bis an den Strand – so schnell bin ich noch nie durch Wasser gelaufen.

Ankify

Den Sonnenuntergang genieße ich vom Strand aus. Es ist sehr wolkig, aber ein paar Sonnenstrahlen erreichen die Segelboote, die auf dem Meer unterwegs sind. Die Jungs laufen direkt zu den Autos, sie haben Reis-Hunger – und der muss im Hafen gestillt werden.

Derweil färbt sich der Himmel in allen Farben von lila über rot bis zu orange. Ein tolles Farbenspiel. Dann ist das Farbenspiel sehr plötzlich zu Ende. Dicke Wolken schieben sich über den Himmel, es sieht nach Regen aus. Als es anfängt zu tröpfeln, flüchte ich ins Restaurant zum Abendessen. Dort ist bereits Joel zugange. Joel ist ein kleiner, schlanker Kellner. Er ist liebenswert, immer freundlich, aber nicht der Schnellste. Bestellungen laufen bei ihm nach folgendem Schema ab: „Joel, ein THB bitte.“ „Eine Cola, ja.“ „Nein, ein THB.“ „Okay, ein Bonbon anglais.“ „Nein, ein THB. Und meinetwegen eine Cola.“ „Ich bringe zwei Cola“. Entsprechend zieht sich bei Joel alles etwas in die Länge, zumal er grundsätzlich nur ein Getränk gleichzeitig transportieren kann und dementsprechend häufig läuft. Und er läuft… kennst du Gaius Pupus aus Asterix erobert Rom? Der kleine Römer, der beim Laufen immer vor- und zurückwippt. Genau so läuft Joel. Und er hat eine äußerst niedliche Eigenheit, eigentlich ein Sprachfehler, den in Ankify gerne auch mal alle anderen annehmen: Statt Misaotra (sprich mi-souu-tscha) zu sagen, sagt er „Misooosa“. Und Joel (oder Soel, wie er selbst sagen würde) sagt es sehr oft, denn wie gesagt ist er ein sehr freundlicher und höflicher Mensch. Ein Original aus Ankify sozusagen.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 30 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.