Southwest 2017

Kattas, die wie Katzen klingen

Katta

Mit Verspätung geht es heute los in Richtung Anja Community Reserve. Gerade mal zwölf Kilometer sind es von Ambalavao, vorbei am Hügel des Zebumarktes, der heute gespenstisch verlassen da liegt. Von Weitem sieht man bereits das winzige Stück Wald, das sich an die Felsen der „drei Schwestern“ schmiegt. Wir sammeln an einem kleinen Steinhaus unsere Tickets und unseren Guide, Jocelyn, ein, und fahren bis zu einem roten Parkplatz. Ein leichter Nieselregen begleitet uns bereits den ganzen Morgen, aber pünktlich zum Beginn unserer Wanderung klart der Himmel auf.

Ich folge Jocelyn auf einem schmalen, roten Pfad zwischen Gebüsch in Richtung Wald. Schon nach wenigen Metern finden sich die gestern erfolglos gesuchten Teppichchamäleons und ein abgemagertes Furcifer oustaleti-Männchen. An den Tilapia-Teichen direkt vor dem Wald sitzt ein kleiner Eisvogel, der sich geduldig fotografieren lässt – allerdings nicht von mir, ich halte Ausschau nach den Krokodilen. Es liegt leider gerade keines in Sichtweite herum.

Zügig leitet uns Jocelyn durch den Wald – für meinen Geschmack etwas zu zügig. Tatsächlich hat er einen guten Grund. Einer seiner Spotter – Männer, die bereits seit einigen Stunden im Wald unterwegs sind – hat ein junges Brookesia brunoi gefunden. Das kleine Lord Helmchen wartet geduldig neben einem Feld wilden Ingwers auf uns. Plötzlich höre ich ein lautes Miauen, als säßen hungrige Katzen ganz in der Nähe. Laute Rufe jedoch korrigieren mich: Es sind Kattas, die offenbar ganz in der Nähe in den Bäumen sitzen. Jocelyn sprintet los, Anna, Alessandre und ich ihm hinterher. Wir kämpfen uns durch kopfhohen wilden Ingwer, einen Hügel herunter und querfeldein wieder nach oben…nur um zehn Meter hinter dem Punkt wieder auf den Weg zu kommen, an dem wir losgelaufen waren. Echt jetzt…? Die Kattas sitzen wenige Meter von dem Punkt entfernt, wo wir vorhin standen, relativ weit oben im Baum. Ein Jungtier ist besonders neugierig und turnt nach unten, um uns zu begutachten. In einer Astgabel bleibt es sitzen, nimmt einen Fuß in die Hand und macht ulkige Verrenkungen, weil es scheinbar am Fuß juckt. Oder es ahmt einfach nur das Männchen nach, was die gleichen Bewegungen auf dem benachbarten Baum macht. Schließlich locken die Guaven weiter oben das Jungtier aber doch wieder weg von meiner Kamera.

Schließlich drängen Tanala und Dimby, dass wir uns langsam zu den Felsen aufmachen. Zeit zum Klettern! Mein 15kg-Rucksack ist dabei echt nicht hilfreich. Nachdem ich irgendwo einfach von einem Felsen plumpse, weil der Rücksack statt mir lieber der Schwerkraft folgt, nimmt Jocelyn ihn mir freiwillig ab. Tanala und Marco werden ihre Rucksäcke gegen Bezahlung an die beiden Spotter los, die vor uns laufen und sowieso nach Kattas suchen. Plötzlich macht es richtig Spaß, die steilen Felsen hoch zu klettern und zwischen den Felsblöcken hin und her zu springen. Das könnte man glatt öfter machen.

Gegen Mittag brennt die Sonne vom Himmel, es ist richtig warm geworden. Inzwischen sind wir auf einer großen Felsplatte angekommen, von der man eine Wahnsinnsaussicht über die Landschaft hat. Von hier oben entdecke ich dann doch noch ein Krokodil an den Tilapia-Teichen. Und Unmengen anderer Touristen. Eine Gruppe beleibter Franzosen im Mallorca-Outfit bewegen sich gerade auf eine steile Felswand direkt gegenüber zu. Unter lautem Gekreische krabbeln drei davon auf allen Vieren den Felsen hoch, nur um dann auf dem Hintern sitzend wieder herunter zu rutschen. Unfreiwillig. Sie haben offenbar oben gemerkt, dass sie Höhenangst haben. Kann ich verstehen, allerdings krabbel ich genau deshalb nicht überall hoch. Eine Schildechse mit einem hübschen hellblauen Streifen auf dem Rücken gesellt sich zu unserer Pause. Und wo Donald Trump sein Toupet her hat, weiß ich jetzt auch: An der Felskante nach unten wächst gelbes Gras, das wirklich ganz exakt die Frisur des Amerikaners hat. Die Toupets am Fels helfen hervorragend beim Vorankommen: Wenn man drauf tritt, hat man besseren Halt. Wenigstens irgendwo auf der Welt ist Trump nützlich.

Anja Community Reserve, Region Haute Matsiatra südliches Hochland, Madagaskar März 2017 – Spherical Image – RICOH THETA

Hinter der Felsplatte geht es den ganzen Weg wieder nach unten. An einem Strick seilt man sich ein wenig ab, dank des trockenen, rauen Felsen geht das ganz prima. Der Weg führt in eine Höhle, wo Alessandre doch tatsächlich noch einen seltenen Gecko aus einem Felsspalt jagt. Als wir aus der Höhle treten, entdeckt Jocelyn auf einem kleinen Felsvorsprung eine Acrantophis dumerili. Sie ist super freundlich und lässt sich entspannt fotografieren. Eine gute Gelegenheit, mit den lokalen Guides „Schlange anfassen“ zu üben. Denn das traut sich keiner, einer der Spotter ist sogar bereits quietschend davon gelaufen. Zum Glück ist das Weibchen sehr geduldig und ruhig. Als wir den Spotter mit der Angst vor Schlangen wieder eingesammelt und beruhigt haben, traut er sich sogar, neben mir und der kleinen Boa stehen zu bleiben. Faaaast hätte er sie sogar angefasst, aber immerhin steht er ganze zehn Minuten direkt neben dem Tier. Kleine Erfolge zählen auch.

Madagaskarboa
Die freundliche Madagaskarboa

Entlang eines kleinen Baches, der in die Tilapia-Teiche mündet, geht es zurück Richtung Parkplatz. Leider führt der kleine Bach gerade ordentlich viel Wasser, und so patsche ich mit meinen Schuhen schön mitten hinein. Ich habe sie wohl aber gut gewachst, denn noch sind sie innen völlig trocken. In Sichtweite des Parkplatzes hält sich noch eine zweite Kattagruppe auf, die wesentlich zutraulicher ist als die Gruppe von heute früh. Sie sitzen direkt über unseren Köpfen und fressen Früchte aus einem Baum mit niedriger Krone. Einige kommen sogar auf den Boden. Zwei Jungtiere kabbeln sich und eines klaut den Erwachsenen munter die gerade aufgesammelten Früchte. Dimby und ich bleiben noch etwas länger, um den Lemuren beim Fressen und Spielen zuzuschauen.

Katta

Marco ist derweil mit seiner Drohne eine kleine Attraktion am Parkplatz. Ein Haufen Kinder steht staunend um das Fluggerät herum. Ich packe Malbücher aus dem Auto aus und verteile sie an die Kinder, die sich herzlich bedanken und sehr freuen. Auch die Männer, die uns begleitet haben, nehmen Malbücher für ihre Kinder mit. Einer der Spotter hat neun eigene Kinder, und noch diverse angeheiratete. Jocelyn hat „nur“ drei, und damit am wenigsten. Wir verteilen Trinkgelder und es gibt eine kleine Kabary zum Abschied. Auf dem Heimweg begegnen wir vielen Zebus mit ihren Hirten, die uns entgegen kommen. Sie sind wohl gerade ebenfalls auf dem Weg nach Hause.

Malbücher
Coole Jungs lächeln natürlich nicht. Nur ein ganz kleines bisschen.

Zurück im Hotel halte ich mich nur ganz kurz auf. Zu Fuß geht es in die Innenstadt von Ambalavao. Der Kräutermarkt hier ist berühmt. Hier gibt es magische Gegenstände, Heilkräuter und viele andere ominöse Dinge zu kaufen. Auf Holzständen sind kleine Holzstückchen, Perlen, Muscheln, getrocknete Seesterne, Nüsse, Würfel, Bündel von Kräutern und allerlei anderer Krimskrams aufgereiht. Anna will Glücksbringer für ihre Pokerrunde erwerben und fragt eine Verkäuferin mit Dimbys Hilfe, welche magischen Gegenstände dazu geeignet seien. Das stellt sich als schwierig heraus, denn sie müsste dazu erst zum örtlichen Schamanen. Der könne ihr dann – gegen einen Obolus, versteht sich – genau sagen, welcher käufliche Gegenstand ihr Glück bringe. Aber Anna kann stattdessen kleine, braune Nüsse bekommen. Die helfen auch gegen Hämorrhoiden, weiß die Verkäuferin gut gelaunt zu erzählen. Das ist natürlich sehr hilfreich beim Pokern. Ich erspähe außerdem hinter einer Reihe Aststückchen eine Schachtel Albamectin, Entwurmungsmittel für Rinder. Welche Geister man genau damit bei Menschen austreiben kann, frage ich lieber nicht.

Ich schlendere weiter zum angrenzenden Gemüsemarkt, wo an einem kleinen Holztisch auch Domino gespielt wird. Domino ist so etwas wie das Nationalspiel Madagaskars, neben Pétanque, und es wird in der Regel nur von Männern gespielt. Tanala zeigt mir die schärfsten Chilis Madagaskars, die Tsilanydimilehilahy heißen. Das bedeutet soviel wie „Fünf Mann können eine einzige davon nicht essen“ und soll sinngemäß die äußerst fiese Schärfe demonstrieren. Ich probiere lieber nicht. Stattdessen kaufe ich bei zwei runden, lieben Frauen zwei Ananas zu je 500 Ariary (umgerechnet weniger als 20 Cent). Am Stand nebenan lagern Tomaten, Christophines und Gurken  in Massen neben ganzen Bündeln von Kassava. Auch fertig kleingeschnittenen Kassava gibt es zu kaufen. Damit kann man das Nationalgericht Madagaskars, Ravitoto, herstellen. Dimby und José kaufen Avocados und Zitronen gleich in größeren Mengen. Wenn man auf Madagaskar etwas mit nach Hause bringt, dann muss es vor allem eins sein: Viel. Eine einzelne Ananas kauft man nicht, und eben auch keine einzelne Zitrone.

Ravitoto

Tanala fragt drei ältere, tuschelnde Frauen, ob er ein Foto von ihnen machen darf. Sie verneinen, laufen uns dann aber plötzlich hinterher, weil sie ihre Meinung geändert haben und jetzt unbedingt ein Foto machen möchten. Die Menschen hier sind sehr freundlich, immer am Lächeln und eigentlich darf man überall Fotos machen, wenn man höflich fragt. Auch vom stolzen Fleischverkäufer, der bei über 25°C mit seinem Beil vor einer Schale warmen Hackfleisch und diversen Stücken vom Rind mit blauem „Frischestempel“ posiert.

Markt Ambalavao
Jaaaa, da lacht auch die Fleischhygieneverordnung – aber eher aus Panik. Keine Angst, man muss es nur gut durchgaren.

Wir laufen einen langen Weg entlang, der zu beiden Seiten von Ständen flankiert wird. Es gibt Wachs, Honig in ehemaligen Schnaps- und Medizinfläschchen, Säcke voller Reis und Bohnen, pinke Monsterpuppen und anderen chinesischen Billigkrempel. Daneben stapeln sich säckeweise Nudeln und – leider sehr geruchsintensiv – auch eine ganze Menge winziger Fische, die bestialisch stinken. Schnell husche ich an den Fischständen vorbei. Ich gelange zu einem großen Platz, auf dem unendlich viele kleine Marktstände aufgebaut sind. Schnüre ziehen sich über meinem Kopf hin und her, wozu sie gut sind, weiß ich nicht. Hier gibt es vor allem Kleidung zu kaufen, gebrauchte natürlich – eventuell taugen die Schnüre als Wäscheleinen? Auf einem großen Sack voller Unterwäsche schläft ein kleines Kind, ein Arm hängt auf den Boden.

Markt Ambalavao
Ein Laden voller Krimskrams am Rande des Marktes, inklusive zweier sympathischer Herren

Viele Eindrücke prasseln auf mich ein. Gerüche, Menschen in bunter Kleidung, Enten und Hühner, die zwischen den Ständen nach Essbarem suchen. Wir halten an einem kleinen Stand bei einem jungen Mann, der Frühlingsrollen frittiert. Er ist umringt von einer Schar kleiner Mädchen, die uns schon seit dem Marktplatz mit den Häusern mit den dreieckigen Dächern folgen. Offenbar haben die Mädchen noch nicht soviele Menschen mit anderer – heller – Hautfarbe gesehen. Eines der kleinen Mädels, im rosa T-Shirt und mit einem riesigen Lockenkopf, schlägt eine Mutprobe vor. Zum Glück weiß sie nicht, dass einige von uns sie ganz gut verstehen. Kichernd und scherzend stupsen die Mädchen sich an, dann flitzt der kleine Lockenkopf los und berührt mit der Hand Tanala am T-Shirt. Als sie zurück kommt, ist sie stolz wie Bolle und rühmt sich damit, einen Vazaha angefasst zu haben. Huiuiui! Anna, Alessandre und ich bedienen uns derweil bei den Frühlingsrollen für 100 Ariary das Stück. Sie schmecken fantastisch, und der junge Mann frittiert uns sogar ganz frische anstatt erst die älteren zu verkaufen.

Irgendwann laufen wir zurück in Richtung Hotel. Der Ausflug in der Sonne hat mich wirklich durstig gemacht, nur die auf dem Markt angebotenen Säfte wollte ich meinem Magen zuliebe nicht probieren. Im Hotel vernichte ich erstmal eine ganze Flasche Eau Vive. Scheinbar ist gerade Stromausfall – das habe ich auf dem Markt nicht mitbekommen. Als es dunkel wird, bleibt der Strom immernoch weg und kommt auch den Rest des Abends nicht wieder. Ich zerteile bei Kerzenschein meine Ananas, die perfekt süß und saftig ist. Gäbe es solche Ananas zu Hause, ich würde mich mehrheitlich davon ernähren. Eventuell fordere ich mit der Ananas auf dem Tisch allerdings eine über den Tisch reichende Ameisenstraße heraus, zu mir herüber zu kommen. Bis ich vermeintlich alle Ameisen vom Tisch gefegt habe, hat sich bereits eine neue Armee auf den Weg die Tischbeine rauf gemacht. Irgendwann gebe ich auf. Zeit, schlafen zu gehen.

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Published by Alex

Alex ist 33 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.