Nordosten 2014

Nichtstun in der Hauptstadt der Vanille

Sambava
Ein Metzgereistand in Sambava

Die Nacht war nicht sonderlich ruhig. Mehrheitlich habe ich sie auf dem Klo hinter einem netten Vorhang verbracht, und dabei jedes Mal wieder die Schabe auf dem Schrank gefunden. Bis zum Morgen hat sie sich aber tatsächlich wieder davon bewegt. Ich schlurfe in die Patisserie und bestelle zwei Schokocroissants und einen Tee. Die Croissants sind noch warm, der Tee ist allerdings so stark, dass fast der Löffel drin stehen bleibt. Mir geht es nicht sonderlich gut, und die Sonne brennt schon um acht Uhr vom Himmel. Zum Glück haben wir heute aber nichts Großes vor, vor allem Erholung und Nichtstun ist angesagt.

Im Hof sitzend warten ich und Tanala auf Mosesy, der uns auf einem kleinen Rundgang durch Sambava begleiten möchte. Irgendwann nach der vereinbarten Zeit – das akademische Viertel wird in Madagaskar sehr großzügig ausgelegt – schlendert unsere gesamte Gruppe los, die Straße entlang Richtung Meer. Die Stadt pulsiert und ist voller Menschen. Am Straßenrand gibt es unendlich Dinge zu kaufen, vom Bett bis zum Handtuch ist alles dabei. Vor einem mit THB-Werbung bemalten Gebäude bleiben wir vor einem Schuhverkäufer stehen. Er hat auf zwei Planen rund 50 Paar gebrauchte Schuhe ausgebreitet. Sogar ein Paar weiße Moonboots sind dabei. Es bleibt mir ein Rätsel, wer genau die ausgerechnet hier in der tropischen Hitze braucht. Aber an den Ständen entlang der Hauptstraße werden auch weiche Plüschdecken in Plastiktaschen verkauft, die mir bei der nächtlichen Hitze definitiv zu warm wären. Vielleicht sind solche Dinge für die „kalten“ Tage, wenn die Temperaturen hier mal zwischen 20 und 25°C schwanken. Thomas braucht neue Schuhe, ist aber anscheinend ein wenig zu anspruchsvoll für hiesige Verhältnisse. Seine eigenen Turnschuhe waren bereits in Paris am Flughafen kaputt, und jetzt braucht er zumindest für die nächsten Wanderungen Ersatzschuhe. Da wir mitten in der Sonne stehen und Thomas sich partout nicht entscheiden kann, gehen wir nach kurzer Zeit einfach weiter – er kann später nochmal vorbeischauen.

Wir biegen links  in eine kleine Gasse ein. Die Asphaltstraße ist an der Stelle einfach „abgebrochen“ und geht in hellen Sand und Lehm über. Am mit Pflanzen durchwucherten Zaun eines Grundstücks entdecke ich ein Furcifer pardalis-Weibchen. Wir schlendern einige Hundert Meter weiter und stehen plötzlich direkt am Meer. Vor uns landen ein paar Fischer mit ihren Pirogen an, rechts davon stehen Palmen. Das Ufer ist von grünen, ins Wasser hängendem Gebüsch und einer Menge Müll verdeckt. Direkt am Ufer findet Mosesy ein Pärchen Furcifer pardalis. Das Männchen würde gerne paaren, aber sie ist weniger begeistert. Ihm ist das aber reichlich egal und so turnt er ihr einfach schnell hinterher und hält sie fest. Bis sie ihn kräftig beißt und er kurz ablässt, was ihr die Gelegenheit zur Flucht verschafft.

Der Weg führt uns zurück, über die Hauptstraße auf eine andere Seitenstraße mit vielen kleinen Marktständen. Allerlei Krusch und Krempel gibt es hier zu kaufen, vom Gemüseschäler über Petroleumlampen bis zu Fahrradreifen, frischen Orangensaft, anderen Lebensmitteln und geflochtenen Bastkörben. Entweder stehen die Madagassen sehr auf chinesischen Billigkram, oder er wird ihnen einfach für wenig Geld angedreht. Überall findet sich sinnfreier Plastikkrempel und billiger Ramsch auf den Ständen (neben allerlei nützlichen Kleinigkeiten). Am gruseligsten ist eine aus einem Stück bestehende, knallpinke Plastikpuppe mit Glupschaugen. Etwas weiter vorne wird an einem Stand Fleisch verkauft. Verschiedene Rinderstücke liegen auf dunklen Holzbrettern, während der Verkäufer mit einer Art Peitsche aus Lederriemchen versucht, die Fliegen von der Ware abzuhalten. Ein sinnloses Unterfangen. Die Bastkörbe und Sonnenhüte, die die Frauen selbst geflochten haben, gefallen mir. Es gibt sie in allen möglichen Farben, in Grün, Blau, Rot, Lila, Orange und Gelb, mit Schriftzug oder ohne. Mit Mosesys Hilfe erstehe ich für 500 Ariary eine Kokosnuss, die beim Schütteln laut plätschert. Überall auf den Straßen laufen die madagassischen „Kampfhühner“ herum, und auch Ziegen finden sich an jeder Straßenecke. Irgendwann bin ich froh, dass wir wieder den Weg zum Hotel einschlagen. Das Klima in Kombination mit meinem angeschlagenen Standby-Modus schaffen mich ziemlich.

Furcifer pardalis
Pantherchamäleon-Baby

Zurück im Hotel treibt der Fund eines weiteren Pantherchamäleon-Weibchens mich direkt in den Hof Außerdem gibt es ein winziges Jungtier zu bestaunen. Hinten im Garten finden sich in bestimmten Pflanzen Unmengen schlafende Frösche, insgesamt sicher ein paar Hundert. Pro Pflanze sitzen locker 20 Boophis tephraeomystax eng in die Blattachseln gedrückt. Auch ein paar dicke Taggeckos laufen auf dem dunklen Holz der Veranda herum. Bei einer Pause auf der überdachten Bank entdecken wir außerdem ein Pantherchamäleon-Männchen, das in aller Seelenruhe über ein Stromkabel spaziert und sich dann auf einen wesentlich höher reichenden Baum verkrümelt. Schließlich verziehe ich mich in unser Bungalow, ich bin platt und muss mich dringend mal ausruhen. Aus dem kurzen Ausruhen werden zwei Stunden komatöser Schlaf. Danach geht es mir aber deutlich besser. Abends schaffe ich schon wieder Spaghetti und ein Bier. Die Katze, die ich gestern einmal gekrault habe, kommt sofort wieder angelaufen. Der abendliche Stromausfall lässt auch heute nicht lange auf sich warten. Daraufhin werfen die Hotelleute das Ersatzstromaggregat an, das mit einer beeindruckenden Lautstärke über das Hotelgelände und bis auf die Straße hinaus dröhnt. Hoffentlich bleibt das Ding nicht die ganze Nacht an.

Ich nehme noch eine kalte Dusche, bevor ich ins Bett verschwinde. Leider ist auch der Wasserdruck schon schlafen gegangen. Genug Wasser kommt nur noch aus der Leitung, wenn man den Duschschlauch unter Hüfthöhe hält. Die Matratze des Bettes hat übrigens gefühlte zwei Zentime Höhe, darunter kommt direkt hartes Holz. Man liegt also, egal ob auf dem Bauch, der Seite oder dem Rücken, unwahrscheinlich unbequem. Das ist eben Madagaskar.

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Published by Alex

Alex ist 31 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.