Südwesten 2017

Das geheimnisvolle Vositse

Rotstirnmaki

Irgendwas ist heute Nacht auf dem Blechdach des Bungalows herumgehüpft. Pflumps…. Trappeltrappeltrappel…. Pflump. Mausmakis? Oder doch eher Ratten? Dazu knarzt und ächzt das Bett bei jeder kleinsten Bewegung lautstark. Außerdem ist es relativ klein für zwei Personen, weshalb man mit Gesicht und Rücken ständig hautnah am Moskitonetz klebt. Das freut die Stechmücken ungemein, entsprechend sehe ich morgens auch aus. Rote Flecken übersäen Beine, Arme, Rücken und Bauch. Dafür wurde es später in der Nacht noch etwas kühler, die Temperaturen waren fast angenehm.

Trotz der etwas ungemütlichen Nacht stehe ich schon um sechs Uhr auf. Außer Tanala und mir ist noch kein Mensch weit und breit zu sehen, auch nicht im Restaurant. Die Jungs in der Küche haben selbst gebackenes, Fladenbrot-ähnliches Brot vorbereitet. Irgendwann trudeln dann auch die anderen alle ziemlich müde ein, es gibt Honig und Marmelade zum Brot. Und kalte Cola. Trotz des Zuckerschocks bin ich immer noch müde vom Vorabend, als wir später als geplant in den Trockenwald losziehen. Diesmal bei Tageslicht. Und mehr Hitze. 33°C hat es, als wir gegen acht Uhr losgehen. Christian ist putzmunter, und als ich meine, eine zweite Wasserflasche sei mir wirklich zu schwer bei 15 kg Fotorucksack und den Temperaturen, lacht er nur und nimmt meine mit in seinen Rucksack.

Kirindy
Der Trockenwald von Kirindy

Gut eine Stunde laufen wir gemächlich durch den Wald. Die Pfade sind schnurgerade wie schon abends zuvor, und das Gebüsch ist unglaublich dicht. Wie wollte Christian denn ausgerechnet hier eine Langaha finden? Jeder Ast hier sieht so aus wie eine Langaha, sowohl von Farbe als auch Beschaffenheit her. Alles ist voller schmaler, gewundener, weißlich-beiger Äste. Plötzlich wird mir klar, warum die Suche nach der Blattnasennatter so schwierig ist. Ich würde hier keine sehen, selbst wenn sie direkt vor meiner Nase hängen würde. Sie müsste sich schon direkt vor mir auffällig bewegen und mit einem Namensschild winken…

Ich bin Christian später noch sehr dankbar für die zweite Flasche Wasser. In Rekordzeit habe ich meine schon geleert, und die zweite folgt auf den Fuß. Ich schwitze schon wieder wie irre, der Schweiß tropft von Händen und Nase. Dabei ist es gerade Vormittag. Nach gut einer Stunde brüllt Christian auf einmal „Kapidolo!“ und springt rechts neben mir ins Gebüsch. Er hat eine Pyxis planicauda entdeckt, die äußert aktiv – kein Wunder bei der Hitze – über den Boden flitzt. Die kleine Rennsemmel bewegt sich gefühlt in einer monströsen Wolke an Stechmücken, und das Fotografieren wird zum Wettlauf zwischen AntiBrumm und Schildkröte. Mit jeder Minute scheinen es mehr Stechmücken zu werden. Das ist auch kein Wunder bei den Mengen Schweiß, die hier fließen. Kapidolo heißt übersetzt übrigens Geisterschildkröte. Man hat sie so genannt, weil sie oft in der Nähe von Gräbern entdeckt worden war. Und da die Madagassen viel von Ahnenkult halten, folgten der Schildkröte auch zahlreiche gruselige Geschichten. Trotzdem gehört sie inzwischen zu den vom Aussterben bedrohten Arten.

Pyxis planicauda
Pyxis planicauda aka „die kleine Rennsemmel“

Nach einer langen Fotopause mit dem kleinen, hübschen Schildkrötenherren folge ich wieder Christian durch den Wald. Obwohl wir wirklich langsam laufen, ist es unglaublich anstrengend. Als würde man einen Marathon in Zeitlupe laufen, aber mit einem Puls von 180. Der Wald ist faszinierend anders als die Wälder, in denen ich bisher auf Madagaskar war. Die Wege sind alle pfeilgerade, nur selten führt der Trampelpfad mal um einen umgestürzten Baum herum. Die Bäume sind lang und dünn, und bis auf Kopfhöhe ist das Unterholz unglaublich dicht mit Hunderten dünner Äste, Ranken und Pflanzen. Und obwohl gerade alles grünt und blüht, ist es hier sehr trocken. Kein Moos, keine Farne, stattdessen Termitennester und große Höhlen, in denen laut Christian das Vositse wohnt. Wer oder was auch immer das sein mag. Größer als eine Fossa kann es jedenfalls nicht sein, die Erdlöcher lassen maximal Platz für eine größere Katze. Davon gibt es hier aber keine.

Irgendwo im Wald wird Christian plötzlich schneller, dann ruft er uns zu, wir sollen uns beeilen. An einem kleinen Bach turnen Eulemur rufifrons, Rotstirnmakis, herum. Es ist eine kleine Gruppe, und sie springen flink und wendig durch die niedrigen Baumkronen. Eine Mama mit ihrem Jungtier ist besonders neugierig. Sie wartet, bis wir stehenbleiben. Dann nähert sie sich vorsichtig und langsam, bis sie schließlich nur einen knappen Meter direkt vor mir sitzt. Während sie sogar auf den Boden springt, um dort besonders schmackhafte Blätter aufzusammeln, springt ihr Nachwuchs neugierig durch die Äste. Er –ganz eindeutig ein er –  kommt immer wieder herunter und nahe, um dann doch wieder wegzuspringen. Ganz geheuer ist ihm das alles noch nicht. Schließlich kommt seine Mama doch wieder nach oben, und das Söhnchen wuselt geschwind zu ihr hinüber. Dann lässt er sich kopfüber vom Ast hängen, lässt die Arme baumeln und beobachtet uns aus sicherer Entfernung.

Die Lemurenbeobachtung wird jäh unterbrochen von Marco, der irgendwie eine grüne Wespe gegen sich aufgebracht hat, die ihn jetzt attackiert. Dimby kommt ihm zur Hilfe, wird dabei allerdings ins rechte Augenlid gestochen. Innerhalb weniger Minuten beginnt seine rechte Gesichtshälfte anzuschwellen, so dass wir uns lieber auf den Rückweg zum Camp machen. Gegen Mittag sitzen wir wieder im Restaurant, nass geschwitzt, und reichlich hungrig. Es gibt riesige Portionen Spaghetti mit Tomaten-Zwiebelsauce. Danach ist erstmal „frei“ angesagt, es steht bis zum Abend kein Programm an. Alexandre, Marco und Anna wollen eh noch eine Runde schlafen. Christian auch. Dimby nutzt den Nachmittag auch zum Ausruhen. Sein Gesicht ist inzwischen so unförmig angeschwollen, als hätten wir Quasimodo dabei. Immerhin habe ich reichlich Prednisolon im Gepäck, nur leider sehr gering dosiert. So darf Dimby gleich eine ganze Hand voll Tabletten schlucken, damit die allergische Reaktion nicht noch schlimmer wird.

Ich will nicht schlafen. Ich schlendere ein bisschen auf dem Campground herum und verfolge zwei Madagaskar-Turteltauben, ein Pärchen, bei dem das Männchen sich wohl paaren will, das Weibchen aber nicht. Als ich gerade mit dem Teleobjektiv mitten auf dem staubigen Platz stehe, und einen Blick nach links werfe, wartet eine Überraschung: Nur zwei Meter vor mir schaut ein Mausmaki aus einem Baumstamm heraus. Die kleinen Fingerchen schauen aus dem Astloch heraus. Scheinbar schaut der kleine Kerl schon länger zu, was ich da mache. Als ich mich vorsichtig nähere, verschwindet der kleine Kopf mit den großen Ohren. Wenige Sekunden später erscheint eine Nase im Astloch, und ein Auge späht vorsichtig, ob ich immernoch da stehe. Mist! Schwupps, ist der kleine Mausmaki wieder verschwunden. Aber die Neugier siegt, und deshalb schaut alle paar Minuten ein Kopf aus dem Astloch – bis das Tierchen sich versichert hat, dass ich nichts Böses von ihm will. Später entdeckt José, dass sogar drei Mausmakis im gleichen Astloch sitzen.

Mausmaki

Am späten Nachmittag läuft mir noch eine Leioheterodon madagascariensis über die Füße. Bei der Hitze braucht man sich allerdings gar nicht anstrengen, ihr zu folgen. Blitzschnell ist die große Schlange im Laub verschwunden.

Nach dem Abendessen wartet Christian auf uns. Wir wollen das Vositse beobachten, von dem ich inzwischen erfahren habe, dass es sich um eine jumping rat handelt. Mit dem Begriff kann ich zwar auch nicht viel anfangen, aber zumindest dämmert mir, dass das geheimnisvolle Tier mit dem merkwürdigen Namen wohl ein Nager ist. Scheinbar hat es auch mehrere Namen, denn neben Vositse taucht auch der Name Votsotsa immer wieder auf. Zu meiner Überraschung deutet Christian uns, uns einfach vor dem Restaurant auf den Boden zu setzen. Wie jetzt, nicht in den Wald? Nö. Er streut etwas trockenen Reis aus, den mögen die Tierchen wohl.

Es ist stockfinster, immernoch sehr warm und ich sitze regungslos auf dem sandigen Lehmboden. Christian und Dimby haben sehr deutlich gesagt, es möge sich niemand bewegen, denn das Vositse scheint extrem scheu zu sein und läuft beim kleinsten Geräusch schon wieder weg. Also sitze ich auf dem Boden, bewege mich nicht…. Und dann suurrrrr….bsssssss……..bsssssss…… summt der erste Moskito an meinem Ohr. Und der bleibt nicht alleine. Angelockt vom Schweißgeruch freuen sich die Stechmücken wohl auf ein reichhaltiges Abendessen. Unmengen davon schwirren um meinen Kopf. Mein angeblich durchstichsicheres Hemd knöpfe ich bis zum Kinn zu, ziehe die langen Ärmel über die Hände und das Kopftuch in die Stirn. Sieht wahrscheinlich reichlich bescheuert aus, wie hier im Finsteren regungslose Gestalten hocken und sich zerstechen lassen. Nach einer guten Stunde des tatenlosen Herumsitzens, mir schlafen derweil die Beine ein, tut sich endlich was. Ein dunkler, kleiner Schatten kommt um die Ecke des Restaurants gelaufen. Es ist so finster, dass ich eigentlich nur einen dunklen Klumpen sehe. Es schnüffelt leise, und dann scheint es vom ausgestreuten Reis zu fressen. Dimby knipst vorsichtig seine Taschenlampe an. Im Lichtstrahl sitzt ein unförmiges Wesen, das aussieht wie eine Mischung aus Ratte und Kaninchen. Ohren und Körpergröße sind die eines Kaninchens, Kopf und nackter Schwanz aber der einer Ratte. Tatsächlich ist das gar nicht so falsch. Hypogeomys antimena ist eine Art Ratte, die vom Aussterben bedroht ist und nur hier in Kirindy noch vorkommt, sonst nirgends auf der Welt. Jumping rat heißt sie deshalb, weil sie sich ähnlich einem Kaninchen hoppelnd fortbewegt.

Jumping rat
Das merkwürdige Tierchen ist endlich gesichtet

Ich bin fasziniert von dem kleinen Tier, aber auch belustigt. Die langen Schnurrhaare wackeln, als das Vositse den Kopf hebt und unwillig grunzt. Schwarze Knopfaugen starrren in meine Richtung. Schnell knipst Dimby das Licht aus, denn das Vositse läuft schon wieder davon. Es trippelt einige Meter weiter, dann kommt es zurück. Sobald aber das Licht angeht oder ein Fotoblitz aufleuchtet, grumpelt es protestierend vor sich hin und verschwindet wieder. Scheu ist gar kein Ausdruck, es ist wirklich sehr, sehr eigen und findet Menschen offenbar eher doof. Im Schein der Taschenlampe entdecke ich, dass das Tier einen Knick im Schwanzende hat. Der Schwanz ist dort wohl mal gebrochen worden. Noch einige Male lässt sich das Vositse vom Reis überzeugen, in unsere Nähe zu kommen. Dann verschwindet es im Dunkeln. Wir warten noch eine Weile, aber der schwarze Schatten taucht nicht wieder auf. Schließlich beschließen wir, dass es spät genug ist und Zeit zum Schlafen gehen.

Als ich um das Restaurant biege und den Weg Richtung Bungalow einschlage, huscht ein kleines Tier vor mir über den Weg. Es ist ein weiteres Vositse. Zwei davon laufen auf dem Weg bis zum Bungalow immer wieder vor mir und Tanala her, und im Gegensatz zu vorhin scheinen sie keinerlei Angst vor dem Licht zu haben. Jetzt komm ich mir ein bisschen veräppelt vor. Müde schlendere ich zum Bungalow und schließe die Tür auf. Als ich mich nochmal umblicke, sitzt direkt vor dem Bungalow das Vositse. Schwarze Knopfaugen schauen aufmerksam zu mir hin, und das Tierchen macht so gar keinen scheuen Eindruck. Als es sich umdreht und davon hoppelt, entdecke ich noch etwas: Es hat einen Knick im Schwanzende.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 31 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.