Süden 2015

Der Tag der Blutegel

Ranomafana
Ranomafana

Als ich aufwache, ist mir immer noch übel. Oder vielmehr schwindelig. Auf dem Weg zum Nationalpark halten wir kurz im Dorf von Ranomafana. An einer Holzhütte steige ich eine Steinstufe nach oben und folge einem kleinen Gang, dann taucht rechts ein vollgestopfter kleiner Laden auf. Hier gibt es quasi alles. Von Zahnpasta über Reis und Getränke bis zu großen Schüsseln getrockneten Fisch, der ganz fies müffelt. Ich kaufe ein paar Saltos-Kekse, um meinen Magen zu beruhigen, und ein, zwei Flaschen Cola.

Heute steht der große Wasserfall auf dem Programm, und zum Glück regnet es nicht. Der Boden ist natürlich trotzdem aufgeweicht. Über die große Brücke geht es nach oben, und immer weiter nach oben in den Regenwald. Das freut den Muskelkater, den ich noch von den gestrigen Stufen habe! Und heute legen wir noch einen drauf. So langsam wird es sehr anstrengend. Noch eine Treppe, noch ein Weg nach oben. Sobald es ein kurzes Stück nach unten geht, geht es danach doppelt so lang wieder nach oben. Wir überqueren einen breiten Bach. Hier fühlt man sich wirklich wie im Urwald. Man hört nichts außer dem Rauschen des Wasserfalls in der Nähe, dem Zirpen von Insekten und dem Quaken von Fröschen. Gut, und meinem lautstarken Schnaufen, als ich den steilen Weg nach oben laufe. Der Schweißt trieft, der Schlamm spritzt. Und heute sind besonders viele Blutegel unterwegs. Ich denke, der viele Regen ist schuld (naja, so ist das nunmal in einem Regenwald zur Regenzeit). Während unseres Marsches pflücke ich immer wieder gerade auf mir herumkriechende, noch dünne Blutegel von Händen und Gamaschen.

Irgendwann geht es einen schmalen, rutschigen Pfad nach unten. Ich halte mich an Bäumen und Wurzeln fest, um nicht auf die Nase zu fallen. Das letzte Stück rutsche ich auf dem Hintern, sonst würde ich wohl einfach vornüber kippen und im freien Flug ankommen. Der Fotorucksack hat zum Glück ein Regencover, das jetzt dezent in Schlammfarben daherkommt. Unten angekommen stehe ich direkt vor dem großen Wasserfall. Wow! Das Wasser spritzt, alles ist nass, die umliegenden Bäume sind fast vollständig von Moosen und Farnen überwuchert. Ein einzigartiger Anblick – und jetzt weiß ich wieder, warum ich hierher gelaufen bin. Eine altersschwache Holzbrücke führt hinter einigen riesigen Steinen über den Fluss. Die Steine haben es in sich – sie sind spiegelglatt, und auf allen Vieren krieche ich vorsichtig darüber. Auch der kurzen Holzbrücke traue ich nur gerade eben so und schleiche lieber in Zeitlupe vorsichtig zur anderen Seite.

Hinter dem Wasserfall geht es nun den gesamten Weg, nur viel kürzer und steiler, in Treppenform wieder herunter. Die Treppe ist zwar gut begehbar, aber sie scheint kein Ende nehmen zu wollen. Nach unten nur Stufen, und beim Blick zurück ebenfalls nur Stufen. Stufen, Stufen, Stufen… Inzwischen hat sich der Muskelkater in den Beinen aber etwas zurückgezogen, so dass der Rückweg leichter fällt. Leider konnte Theo heute den erhofften Uroplatus phantasticus nicht finden. Er sagt, es sei reine Glückssache. Dimby stimmt dem zu – er hat schonmal an einem Tag fünf Stück gesehen, dafür zu einem anderen Zeitpunkt tagelang gar keinen. Die Tiere sind so fantastisch getarnt, dass es eben nicht nur auf gute Augen ankommt.

Calumma nasutum
Calumma nasutum mit besonders hübschen weißen Tupfen

Auf dem letzten Stück hinter der Brücke nach oben fängt es plötzlich an, wie aus Eimern zu schütten. Wir kommen gerade so noch halbwegs trocken in den Bus, in dem Christian und Rapha schon warten. Ich lasse mich erleichtert und zufrieden auf den Bussitz fallen. Als ich meine Gamaschen aufschnallen will, entdecke ich eine ganze Menge kleiner, schwarzer Nupsis, die sich suchend über die Gamaschen winden. Alles voller Blutegel! Und es geht nicht nur mir so. Alle zupfen noch jede Menge der kleinen Plagegeister von ihren Klamotten.

Zurück im Hotel setze ich mich mit Tanala im schmalen Außenbereich des Restaurant hin, um ein THB zu trinken. Als ich meinen Stuhl ein Stück zur Seite rücke, sehe ich einen großen Blutfleck direkt unter meinen Fuß. Irritiert suche ich das ganze Bein ab – anscheinend hatte es ein Blutegel unter die Hose geschafft und sich dort vollgesaugt. Jetzt liegt er inmitten einer Blutlache auf dem Boden. Obwohl das Bisslöchlein kaum sichtbar ist, blutet es fröhlich weiter. Ich lasse es einfach so  – wird schon irgendwann aufhören. Dimby hat außerdem eine Ananas mitgebracht, die wir gleich teilen. Superlecker! Mit dem intensiven, süßen Geschmack kommt daheim einfach keine Ananas mit.

Nach dem Mittagessen brechen wir in die andere Richtung mit dem Bus auf. Christian fährt uns über eine relativ gute Straße entlang vieler Felder und Sekundärvegetation bis zu einem kleinen Dorf. Ein hoher Zaun aus Holzbrettern umschließt einige Lehmhäuser. Dimby klopft an eine Tür inmitten des Zauns und ruft etwas. Ein kleiner, hutzeliger alter Mann mit kaum noch Zähnen öffnet die Tür und bittet uns erfreut herein. Jedem schüttelt er überschwenglich die Hand. Ich trete auf einen kleinen Platz zwischen zwei Häusern, der an einer Seite zu einem Bach führt. Riesige Bäume ragen über die Hütten hinweg und werfen große Schatten. Was machen wir denn hier? Aber die Frage wird schnell beantwortet: Die Familie, die hier lebt, gehört zu den wenigen Madagassen, die keine Angst und keinen Aberglauben vor Chamäleons haben. Ganz im Gegenteil. Sie beschützen einen an ihre Kaffee- und Zuckerrohrplantage angrenzenden kleinen Wald, in dem noch einige yellow lip Calumma parsonii parsonii leben. Die Tiere werden von ihnen gut behandelt, und sogar mitten auf dem Dorfplatz im riesigen Baum klettern sie ab und zu herum. Nach ein wenig Suche angelt die Familie einen ausgewachsenen yellow lip und ein Weibchen aus dem riesigen Baum. Christian hat sich derweil draußen vor dem Zaun umgesehen und ist prompt fündig geworden: Er hat ein junges Männchen entdeckt. Die vielen Kinder drumherum trauen den Chamäleons nicht ganz, haben aber zumindest keine Angst, sie anzufassen.

Ich bin völlig fasziniert von diesen Giganten unter den Chamäleons. Sie bewegen sich nur langsam, Hektik ist ihnen fremd. Ruhig schauen sie sich um und spazieren gemächlich über angebotene Äste. Und es kommt noch besser: Ein junger Mann hat sogar noch ein Furcifer balteatus-Männchen gefunden. Nach dem Fotoshooting setzen wir die Tiere alle wieder zurück. Natürlich gibt es Trinkgelder für die Familie, die sich damit ein Zubrot verdient. Sicherlich spielt das Geld auch eine große Rolle dabei, dass die Chamäleons hier geschützt statt getötet werden. Mir soll das recht sein, solange sie keine Tiere aus dem Wald wildern, sondern die Tiere selbst entscheiden lassen, wo sie sich aufhalten.

Abends lasse ich den Tag beim Abendessen gedanklich Revue passieren. Der Sonnenbrand im Decolletée schält sich, der Muskelkater hat sich auch wieder zurück gemeldet. Von den Blutegeln ist bis auf ein paar Pünktchen am Bein nichts mehr übrig. Jonathan, ein Fahrer von uns, ist gerade als Guide ebenfalls mit Gästen hier. Wir essen mit ihm gemeinsam und plaudern ein wenig. Draußen schüttet es. Sintflutartig stürzen sich ganze Bäche die vielen Stufen des Hotels herunter. Als es kurz aufhört, flitzen ich und Tanala zu unserem Bungalow. Ich falle in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 30 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.