Nordosten 2022

Nieselregen und rutschige Wege        

Noch vor Sonnenaufgang werde ich von einem krachenden Gewitter geweckt. Es ist stockfinster, nur die Blitze sorgen alle paar Minuten für taghelles Licht. Und es regnet. Na, das kann ja ein heiterer Abstieg werden. Kaum ist das Gewitter davon gezogen, blitzt das Licht von Taschenlampen auf. Mal wandert hier eine übers Zelt, mal da durch den Wald. Zwei der madagassischen Träger murmeln miteinander. Die Tür einer der Hütten fällt zu. Ich drehe ich nochmal um, anderthalb Stündchen Schlaf sind noch gut drin     

Das letzte Frühstück in Marojejy. Ich sitze am gedeckten Tisch, Primo kommt strahlend wie jeden Morgen mit einer Platte voller Brot und einer anderen mit Spiegeleiern zum Tisch. Heute ist Reste aufessen angesagt. Ich tropfe den letzten Rest Honig auf mein Brot, die Marmeladengläser sind ebenfalls fast leer und auch die Ersatz-Nutella ist merklich zusammengeschrumpft. Eigentlich bin ich noch etwas müde, aber ich genieße auch das letzte Frühstück mit Ausblick in den fantastischen Regenwald. Der Ausblick ist allerdings heute eher diesig. Es nieselt.

Und da es heute nieselt, gibt es nochmal ein fantastisches Ausblick-Foto von gestern frisch aus der DJI!

Ich gehe rüber zu meinem Fotorucksack und den Getränkeresten. Diesmal nehme ich eine Flasche Wasser extra mit. Ich versuche, den Fotorucksack möglichst bequem für Elioda zu packen. José und Dimby sind bereits dabei, die Zelte grob abzuwischen und zusammenzupacken. Zwei Ringelschwanzmangusten flitzen durchs Camp, schauen hier mal neugierig aus dem Gebüsch hervor und verziehen sich dann wieder in Richtung Küche – dort gibt es vielleicht noch ein paar Reste abzustauben. Sie werden nicht enttäuscht. Dolphe und Primo werfen ein paar Reste – allerdings wirklich wenige, gerade der Bodensatz eines Topfes – zu den Mangusten, die sich gierig darauf stürzen.         
Gegen halb Acht starten wir den Abstieg aus Camp Marojejya. Im Gänsemarsch laufen wir los, das Feld verteilt sich im Laufe der nächsten Stunden sowie auf etwas mehr Strecke. Ich folge Desirée den Pfad von den Felsen in Richtung der schrägen Felsplatte. Der Boden ist matschig und voller Pfützen. „Vorsicht, ist rutschig hier!“ sage ich noch, dann haut es mich schon von den Füßen. Die Felsen sind durch den Regen wunderbar rutschig geworden. Ich lande mit Schwung und vollem Körpereinsatz auf meinem rechten Handgelenk, das das allerdings gar nicht gut findet. Ich stehe wieder auf… Füße sind noch dran, sonst auch alles ganz ok, bisschen Schlamm auf der Rückseite. Also weiter.

Direkt unter Camp Marojejya liegt das ganze Wurzelwerk, über das man mühselig steigen muss. Dahinter liegen die hohen Betonstufen. Runterzugs, direkt zu Anfang der Wanderung, geht das alles aber wirklich einfacher als hochzugs als letztes. Ich schwitze nach wenigen Minuten wie irre, der Schweiß läuft. Eigentlich macht es schon ein bisschen Spaß den Weg herunter zu klettern. Recht zügig kommen wir in den Bambuswald um Camp Mantella. Heute gibt es hier keine Pause, es sind auch alle noch wirklich fit. Nur das mit dem Hinfallen – dank rutschiger Bambusblätter, schmierig-nasser Felsen und einer Menge Schlammpfützen vor und hinter den vielen Bächen, die den Weg kreuzen, setzt sich heute fast jeder mal unfreiwillig auf den Hintern. Der eine früher, der andere später. Die Träger aus dem Dorf, die heute schon mit dem Sonnenaufgang hoch zum Camp Marojejya gelaufen waren, überholen uns schon bald wieder auf dem Weg zurück mit dem, was von unserem Gepäck übrig geblieben ist. Von ihnen legt sich keiner auf die Nase, obwohl sie mehrheitlich barfuß unterwegs sind.             

Unzählige kleine und größere Bäche überqueren wir. Die runden Steine sind unglaublich rutschig und einige Wege bestehen fast vollständig daraus. Kleine Skinke und Schildechsen wuseln vom Weg, sobald man ihnen zu nahe kommt. Bis zum Parkeingang zieht sich der Weg dann doch etwas. Mich erstaunt außerdem in Marojejy immer wieder, wie oft man Hügel hochklettern muss, um vom Berg runterzukommen. Ich filme hier und da im Laufen und genieße die letzten Stunden im Regenwald. Hinter Camp Mantella tauchen wieder die lauten Zikaden auf, die eher wie Kreissägen klingen. Dazu rumort es weiter hinten quasi ununterbrochen. Zwei Herren unserer Runde, beide mit Hut bzw. Basecap, haben offenbar Quasselwasser getrunken und plappern ohne Punkt und Komma. Plötzlich rumort es aus der anderen Richtung des Weges – eine ganze Schulklasse kommt uns entgegen. Und noch eine. Und noch eine. Die meisten Mädchen tragen Röcke oder Leggings, keiner hat „ausflugstaugliche“ Klamotten an. José erklärt, dass die Kinder oft nicht vorher gesagt bekommen, dass am nächsten Tag ein Ausflug stattfände. Mal davon abgesehen, dass viele einfach keine festen Schuhe besitzen. Ein Mädchen schreibt während des Laufens auf einem winzigen Notizblock mit, was ihr Lehrer erzählt.

Je näher wir dem Parkeingang kommen, desto flacher werden die Wege. Als der Regenwald lichter wird, klettert eine Gruppe Weißkopfmakis gerade durch die Bäume direkt neben dem Weg. Sogar ein Jungtier haben sie dabei. Ich laufe nur kurz zurück, um noch einen Blick auf die Lemuren zu erhaschen. Dann geht es weiter und hinaus aus dem Regenwald. In der Hütte am Parkeingang rasten wir kurz, Jutta verteilt Kekse. Vorbei am betonierten Parkschild geht es zu dem Weg durch die Vanilleplantagen hin zu den Reisfeldern. Hier draußen, außerhalb des Waldes, nieselt es. Eigentlich ist der Nieselregen ganz erfrischend. Trotzdem ziehe ich zur Sicherheit mal das Raincover über den Rucksack und verstaute die DJI in einer Plastiktüte.

Es geht den lehmigen Weg entlang nach unten. In einer kleinen Senke bietet sich beim Zurückschauen eine tolle Aussicht auf Marojejy im Nebel. Dann laufen wir lange im Gänsemarsch auf einem schmalen Lateritpfad, der sich auf dem Grat eines Hügels zwischen Reisfeldern dahinschlängelt. Rechts und links liegen Inselberge hinter den Reisfeldern, die Aussicht ist wunderschön. Üppiges Grün, ein kristallklarer Fluss schlängelt sich am Fuße der Hügel an den Feldern vorbei. Nur echt heiß und stickig ist es. Dann stoppt der Nieselregen, die Sonne kommt hinter den Wolken hervor und verwandelt die Idylle in ein wahres Dampfbad. Meine Hose klebt an den Beinen, das T-Shirt hat gar keine trockenen Stellen mehr. Der Schweiß läuft einmal mehr. Zum Glück verschwindet die Sonne schon bald wieder hinter den Wolken. Die Lateritwege mit den vielen Steinen sind durch den Nieselregen sehr rutschig. Wir queren wackelige, altersschwache Brücken und dann stehen wir wieder am Fluss, wie vor ein paar Tagen schon. Die Madagassen reichen Hände und helfen jedem, über die Steine zu springen. Tanala bekommt Hände gereicht, dann ist Jutta dran. Nur Markus macht offenbar auf die Jungs den Eindruck, als könne er den Fluss auch alleine gut überqueren.

Vorbei an Kaffeebäumen folgen wir dem Lateritweg über den Reisfeldern. Ein rotbraunes Zebu steht direkt am Wegesrand, im Vorbeigehen entdecke ich noch ein Kalb im Gebüsch. Dimby entdeckt ein junges Pantherchamäleon links des Weges an einem Baum. Es ist allerdings nicht besonders gut gelaunt, so dass ich nicht einmal ein Foto mache. Ein paar Meter weiter hängt ein grüner Zweig mitten in den Weg. Mitten darauf schwankt ein Pantherchamäleon-Weibchen mit dem Zweig im Wind. Direkt auf meiner Augenhöhe. Ich mache schnell ein paar Aufnahmen – das bietet sich ja an! – und folge dann den anderen. Der Lateritpfad zieht und zieht sich. Ein Ende ist nicht in Sicht, nur Reisfelder, sanfte Hügel, ein paar Palmen. Idyllische Landschaft in fiesem Klima. Hier und da sitzen Jungtiere von Pantherchamäleons im Gebüsch. 

Unter einem großen, ausladenden Mangobaum, gegenüber einigen Papaya-Bäumchen, gibt es eine Pause. Und offenbar nähern wir uns der Zivilisation – plötzlich haben alle ein Handy in der Hand und halten es wild in die Luft. Dimbys Handy lacht und lacht und lacht, es hört gar nicht mehr auf. Er hat das Lachen seiner Tochter als Nachrichtenton eingestellt. Es begleitet uns den Rest des Weges.

Endlich tauchen vor mir die Blechdächer von Mandena auf. Ich stapfe einen Abhang hinunter und will gerade an einem weißen Auto vorbei, da streckt jemand seinen Kopf aus dem Auto und ruft. Es ist Bruno! Er wollte uns gerne abholen, denn so sparen wir ein paar Kilometer Fußmarsch. Damit hatte ich nicht gerechnet. Erleichtert klettere ich mit Dimby, Chrissi und Marko ins Auto. Der Rest steht auf der Ladefläche des Nissan. Bruno bringt uns bis zur Kreuzung der RN in Manantenina. Dort sitzt bereits Martin. Er ist wohl schon seit einer Stunde hier und hat es sich unter einer bunten Runde Madagassen jeden Alters gemütlich auf dem Dorfplatz eingerichtet. Ihn hat kein Auto in Mandena abgeholt, er ist den Weg zwischen den Dörfern zu Fuß gelaufen. Dafür hat er schon ein kaltes THB in der Hand. Frauen in bunten Lambas tragen Platten mit Orangen, Bananen und Brochettes an uns heran. Innerhalb weniger Minuten bin ich umringt von Menschen, die laut ihre Waren anpreisen, fragen wie es in Marojejy war oder sich über die schwitzenden Vazaha amüsieren. Als ein Taxibrousse aus Richtung Andapa angefahren kommt, stürzt die Menschentraube sich sofort auf den kleinen Bus. Ich hole Luftballons aus dem Rucksack. José hilft beim Aufpusten. In Sekunden sind wir von Kindern umzingelt und wir verteilen fleißig (es sind übrigens biologisch abbaubare Luftballons, damit kein Plastikmüll zurückbleibt). Chrissi kauft zwei Körbe Mangos für erschwingliche 2000 Ariary. Der kleine Bus, der uns zum Park Office gebracht hat, parkt am Straßenrand. Wir steigen ein für eine sehr kurze Fahrt zum Park Office.

Am Office warten bereits die Träger des Gepäcks, die Rucksackträger, die Köche und local guides. Es gibt für jede Gruppe eine kleine, recht kurze, aber umso herzlichere Kabary. Trinkgelder werden übergeben – sie fallen großzügig aus, und entsprechend strahlen die Gesichter bei allen. Tanala beendet den Wettbewerb, wer die meisten Tiere findet: Desirée hat knapp die Nase vorn. Es gibt natürlich auch einen Preis: Ein Smartphone wechselt den Besitzer. Coco bekommt dafür einen Fieldguides mit allen Updates bis 2022. Frank schreibt ihm noch eine lange Widmung in den Fieldguide – ein so einzigartiges Exemplar dürfte niemand anders besitzen. Bruno nutzt die Zeit und nimmt schon mal Bestellungen für ein sehr spätes Mittagessen auf, die er gleich telefonisch nach Sambava durchgibt. Nach und nach verabschieden sich alle voneinander. Der Nieselregen setzt erneut ein.             


Die Fahrt zurück nach Sambava ist lang. Die meisten im Bus schlafen. Ich natürlich mal wieder nicht. Etliche Pantherchamäleons queren die Straße. Nur eines ist leider schon plattgefahren worden. Wir gurken einem uralten, lahmen Taxibrousse ohne Rückscheibe hinterher, dessen Achse offenbar gebrochen ist. Es rumpelt sehr schräg in einem bizarren Slalom vor uns her. Unser Busfahrer wartet auf eine gute Gelegenheit zum Überholen, das ist wegen der unvorhersehbaren Schlenker des Taxibrousse aber gar nicht so einfach.      

In Sambava tobt das Leben. Der Unterschied zum Regenwald von Marojejy könnte nicht größer sein. Zwar ist der Regenwald auch laut und ganz sicher nicht still und leise, aber seine Lautstärke ist anders. Und kaum an einem Ort komme ich so gut zur Ruhe wie dort. Der Bus biegt in die Einfahrt von Brunos Hotel ein, rumpelt in den Hof und parkt. Bruno scheucht alle direkt ins Restaurant, das Essen wartet. Und tatsächlich – wir sitzen kaum alle am Tisch, da werden bereits Steak panné, selbst gemachte Pommes und kaltes THB serviert. Ein Traum. Noch besser ist nur die Dusche danach, die erste „richtige“ seit Tagen. Leider funktioniert meine Dusche erst nur, indem ich den Hahn falschrum drehe, dann kommt plötzlich gar kein Wasser mehr. Ich laufe in ein Handtuch gewickelt zum Nachbarzimmer und dusche dort weiter. Mein Handgelenk hat eine wunderbare blasslila Farbe angenommen.            

Ich schleppe einen riesigen Reissack voller schmutziger Wäsche durch den Garten zur Rezeption. Dort versammeln sich nach und nach alle. Wir trinken THB, essen Mangos, sprechen über die Erlebnisse in Marojejy und freuen uns auf die kommenden Tage. Und wenn man ehrlich ist: Diesen sehr speziellen Urlaub mit extrem viel Camping könnte man wohl mit anderen Menschen gar nicht machen. Daher mal ein großes Dankeschön an die beste Reisegruppe der Welt!  

Veröffentlicht von Alex

Alex ist 35 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne - so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.

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