Südwesten 2017

Handwerkskunst

Handwerk Raphiabast

Kurz nach sechs Uhr stehe ich schon auf. Die Nacht hat es wohl geregnet, draußen ist alles pitschnass. Im Restaurant trinke ich eine kleine Cola zum Aufwachen. Während Marco, Anna und Alexandre zum Frühstück eintrudeln und Rührei, Baguette und Marmelade bestellen, kommen schon Dimby, José und unser neuer Fahrer Andry mit einem kleinen, weißen Bus. Zeitgleich taucht Christian auf einem Roller auf – er wollte nur kurz Hallo sagen, da er auf die Südtour nicht mitkommt. Und er schaut keine fünf Minuten in den Garten, und hat schon ein Furcifer oustaleti gefunden – die anderen haben vorher lange erfolglos gesucht.

Wir fahren zum Jumbo-Store, ich kaufe zur Abwechslung nur Wasser ein. Von den Überflutungen sieht man wenig. Zyklon Enawo hat nur an einem Teil des Deichs gewütet. Es standen zwar viele Hütten gestern und vorgestern unter Wasser, aber es geht heute schon wieder. Die Wasserabdrücke sieht man allerdings überall noch. Am Digue gibt es eine neue Straße, die quer hinüber zur Innenstadt von Tana führt. Sie ist riesig, breit und frisch asphaltiert, sogar mit Straßenbeleuchtung. Und sehr wenig befahren. Außerdem hängt ein Schild daran, dass Zebu-Charettes auf der Straße verboten sind. Mhm. Merkwürdige Sache.

An einem kleinen Markt machen wir eine kurze Pause. Ich schlendere ein paar Meter weiter am Straßenrand entlang. Ein junger Mann sitzt neben einem Holztisch, und darauf liegen fünf dicke, dreieckige Gebilde. Sie sind außen fast schwarz, und innen rötlich-braun, und der junge Mann schneidet Vorbeigehenden gegen ein paar Ariary dicke Scheiben davon herunter. Die Dreieck-Rollen sind Koba (sprich Kuba, wie das Land), in Bananenblätter gedämpfte Kuchen aus Reismehl, Erdnüssen und Bananen. Oder nur Reismehl und Erdnüssen, wie es hier der Fall ist. José organisiert ein Stück zum Probieren, ich bekomme es einfach so auf die Hand. Es ist klebrig, zäh und schmeckt ein bisschen nach Nichts. Und man sollte das Bananenblatt nicht mit essen, das schmeckt nicht. Gut. Immer eine Erfahrung wert, einheimische Snacks zu probieren.

Unser erster längerer Stopp liegt in Ampangambe, an mehreren steinernen Häuschen, wo Frauen aus Raphiabast gebastelte Figuren anbieten. Und herstellen! Wir dürfen auch anschauen, wie genau das geht. Aus Stroh und Bast wird zuerst die Grundfigur gebastelt. Die wird dann mit Bast umwickelt, und zum Schluss wird das Ganze mit Farbe bunt angemalt. Warum genau unter den hergestellten Tieren auch pink-neongrüne Elefanten sind, weiß ich allerdings nicht. Ich kaufe stattdessen lieber einen schwarz-weißen Katta mit buschigem Schwanz.

Dann geht es weiter Richtung Antsirabe. Es ist wie immer um diese Jahreszeit vielerorts Gelbreife, das heißt der Reis kann bald geerntet werden und strahlt in leuchtendem Gelb. Die meisten Reisfelder sind in Terrassen angelegt, dazwischen läuft hier und da ein kleiner Wasserfall. Überall leuchet es grün und gelb, jedes Jahr wieder ein toller Anblick.

Irgendwo halten wir an besonders fotogenen Reisfeldern. Der Fluss, der neben der Straße verläuft und die meisten der Felder speist, ist momentan enorm hoch und eher ein reißendes Gewässer. Sicherlich auch eine Folge von Enawo. Dimby und ich laufen die Straße entlang und schauen nach Chamäleons. Er sucht in der rechten Seite im Gebüsch, ich links entlang einer Felswand. Dieses Jahr gibt es enorm viele Seidenspinnen. Überall haben sie ihre großen Netze mit den goldenen Fäden gespannt. Teils sind bereits Kokons mit Eiern vorhanden, andere sind noch mit der Paarung beschäftigt. Langsam schlendere ich – im sicheren Abstand zu den Spinnen – an der Wand entlang, als direkt auf Augenhöhe ein knallgrünes Teppichchamäleon-Männchen in mein Blickfeld kommt. Als ich näher komme, bewegt es sich keinen Millimeter vom Fleck – und hofft wohl, übersehen zu werden. Ich platziere es vorsichtig auf einem Getreidehalm und markiere mir den Fundort mit auf dem Boden liegenden Ästen, so kann ich das Tier später wieder dorthin setzen. Anna, Marco und Alexandre sind begeistert von dem kleinen Chamäleon mit den tollen Farben – ich auch.

Reisfelder im südlichen Hochland

Mittags erreichen wir Antsirabe. Die Stadt ist groß und weitläufig, und Unmengen Pousse-Pousse fahren auf den Straßen. Manche werden barfuß gezogen, manche mit Fahrrädern. Alle sind bunt angemalt, jeder Fahrer – oder „Zieher“ – hat seine eigenen Malereien und Sprüche auf den Holzrikschas angebracht. Wir parken vor Zandinas Restaurant. Direkt vor uns steht ein Rollerfahrer und diskutiert mit einem Mann am Straßenrand. Auf dem Rücksitz des Rollers liegt ein Schwein, verschnürt mit Seilen, damit es sich möglichst wenig bewegt und den kleinen Roller nicht zum Umstürzen bringt. In Manompana letztes Jahr habe ich schon einmal so einen merkwürdigen Roller gesehen, das scheint auf Madagaskar eine gängige Möglichkeit des Schweinetransports zu sein.

Ich bestelle eine große Flasche Crystal – das ist das bessere Wasser als das überall gängige Eau Vive, und eine Pizza, das geht hier nämlich am schnellsten. Plötzlich fängt es an zu schütten und ein riesiges Gewitter bricht über Antsirabe herein. Die Regentropfen prasseln auf das Blechdach des Restaurants, man versteht kaum sein eigenes Wort mehr. In Sekunden stehen riesige Pfützen auf der Straße vor dem Fenster. Wir entschließen uns, lieber noch ein eine Runde Getränke zu bestellen. Derweil macht sich die französische Riesenreisegruppe, die an den Nachbartischen gesessen hatte, wieder auf den Weg. Ein Opi mit Bierbauch, Augenkrebs verdächtigem Hawaii-Hemd, grauseligem Hut und  vor dem Bauch wippender Kompaktkamera watschelt einfach nach draußen, und schaut dann erschrocken nach oben, als sein Hawaii-Hemd nass wird. War ja nicht zu erahnen, dass Regen auch nass ist. Die französische Reiseführerin hat eine schrecklich schrille Stimme, und versucht nun, alle Gäste möglichst schnell in einen auf der Straße wartenden Bus zu bugsieren. Ein schwieriges Unterfangen bei fünfundzwanzig eigenwilligen Erwachsenen.

Als es aufhört zu regnen, gehen auch wir nach draußen und steigen in Andrys weißen Kleinbus. Quer durch Anstirabe geht es, dann eine sehr enge Straße mit enorm vielen Schlaglöchern nach unten und genauso steil und rumpelig wieder nach oben. Vor einem Tor halten wir. Ich betrete einen kleinen, weiß gestrichenen Raum mit einer Art Schulbänken. Das ist Mamys ganze „Fabrik“. Mamy erklärt in Windeseile, wie man aus allen möglichen Alltagsgegenständen Miniaturmodelle von Fahrrädern, Mopeds und Autos baut. Aus Infusionsschläuchen, alten Blechdosen, Kerzenwachs, alten Flip-Flops und Nylonfäden bastelt er beeindruckend detaillierte kleine Kunstwerke. Kunst aus alten Blechdosen gibt es ja fast überall auf Madagaskar, aber das hier ist schon eine Nummer besser. Das schmutzige Viertel, in dem wir uns gerade befinden, beherbergt anscheinend noch andere Künstler, Zebuhorn-Handwerker und Maler. Etliche Schilder an den Häusern gegenüber weisen auf diverse Geschäfte hin.

Auf dem Rückweg kommen wir nur ein paar Meter weit, denn am Rande des schlammigen, löchrigen Weges sitzt ein Furcifer oustaleti-Männchen in einem kleinen Baum. Ein paar vorbeilaufende Jugendliche beäugen uns neugierig, wie wir im Schlamm stehend Fotos von einem grauen Chamäleon machen.

Einmal quer durch Antsirabe fahren wir zu unserem Hotel für heute, dem Le Retrait. Tanala und ich sind im ersten Stock untergebracht wie alle anderen auch. Vom Außenbereich kann man in die Gärten der Nachbarn schauen, die erstaunlich gepflegt sind. Nur ein paar Vögel haben sich in die benachbarten Orangenbäume verirrt. Das Hotel hat immer noch kein eigenes Restaurant (sie hatten wohl mal eines), daher fahren wir am Abend zu einem Grill. Es ist ein großer Raum, den man durch mehrere Zwischenräume betritt, mit einer kleinen Bühne im vorderen Bereich. Dort wird nach einer Weile madagassische Live-Musik gespielt, und eine Frau mit langen Rastas singt dazu. Der Abend wird gut: Nette Gespräche, nette Leute. Nur meine SD-Karte ist heute nicht nett. Beim Versuch, die bisher aufgenommenen Bilder mittels SD-Karten-Adapter auf mein Tablet zu ziehen, hat sich die SD-Karte aus noch ungeklärten Gründen selbst gelöscht. Hoffentlich kann ich die Fotos wiederherstellen…

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Published by Alex

Alex ist 31 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Mainz und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.