Ostküste 2018

Eine kaputte Brücke und Huhn am Stock

Furcifer lateralis
Teppichchamäleon-Weibchen

Um Acht wäre eigentlich Frühstücken angesagt – Markus, Tanala und ich sind schon um Viertel vor Sieben da. Was zu Verwirrung führt, weil die Bedienung nicht nach den Zimmernummern fragt, und Martins Omelette auch schon mal vorbeibringt. Der sitzt aber noch gar nicht am Tisch. Als wir erklärt haben, dass die beiden Herren nicht gemeinsam wohnen, nimmt die Dame des Hauses das Omelette wieder mit. Hoffentlich kriegt Martin später noch ein neues Omelette und nicht das kalte wieder gebracht. 😀

Kurz nach Acht trudeln dann auch bereits die drei Hamburger Anna, Lars und Jutta ein. Rudolphe hat sie bereits um sechs Uhr von Antsirabe nach Ambositra gefahren. Annas Gepäck ist noch nicht wieder aufgetaucht, angeblich soll es morgen mit Turkish Airlines aus Istanbul kommen. Vielleicht. Bis dahin hat sie immerhin Ersatzzahnbürste, eine Boxershorts und ein Deo in einem kleinen Ersatzkulturbeutel bekommen. Und eine aufklappbare Plastikhaarbürste. Die drei Hamburger sind super nett und sympathisch, es verspricht eine gute Gruppe zu werden.

Wald hinter Ambositra
Das obligatorische jährliche Waldreste-Foto, diesmal mit etwas mehr Gebüsch

Im Nieselregen brechen wir auf in Richtung Ranomafana. Der Regen nimmt zu, und Tropfen rinnen an den Fensterscheiben herunter. Die Windschutzscheibe von Christians Bus beschlägt von innen. Rapha wischt alles fleißig wieder sauber. An dem Rest von Wald, den wir auch in den letzten Jahren besucht haben, halten wir an. Es nieselt immer noch. Dicke, graue Wolken hängen tief über der Straße. Es ist düster, passend zu den abgeholzten Baumresten. Immerhin hat sich zwischen den Stümpfen und einzelnen schlanken Bäumchen ein wenig Gebüsch angesammelt, in dem doch das ein oder andere Chamäleon noch überleben kann. Gerade so.

Ich steige aus und steige im Nieselregen durch das Gebüsch, über abgeschlagene Äste und vertrocknete Blätter. In einer Art Dorngebüsch bleibe ich erstmal hängen. Bis ich meine Hose daraus befreit habe, haben die Jungs ein junges Calumma crypticum gefunden. Und eines dieser witzigen, kleinen Calumma cf. nasutum, die noch auf ihre Beschreibung warten. Als der Regen auch meine Kamera langsam einnieselt, packe ich meine Sachen und steige wieder in den Bus. Vielleicht schauen wir nochmal auf dem Rückweg vorbei.

Weiter südlich im Hochland klart das Wetter auf. Es wird heller, die dunklen Wolken werden von einer weißen Wattebauschwolkendecke abgelöst und hier und da linst vorsichtig die Sonne hervor. Als wir eine abgebrochene Brücke passieren, frage ich, ob wir anhalten können. Wir können. Eine ganze Menge Menschen steht am Rande des Flusses. Viele sind festlich mit bunten Umhängen und den traditionellen Betsileo-Hüten aus Bast gekleidet. Etliche Männer tragen Speere, an deren Ende große, rohe Fleischstücke baumeln. Einer schleppt einen halben Zebukopf mit sich herum. Die Frauen tragen Körbe mit Reis, Erdnüssen und anderen Lebensmitteln, klatschen und tratschen miteinander und lachen laut. Sie kommen offenbar von einem großen Fest, an dem auch ein Zebu geschlachtet und verteilt wurde. Ein Mann im braunen Umhang und einem breiten, für die Betsileo eher ungewöhnlichen Sonnenhut schaut über die Schulter, als der Bus parkt, und nickt uns freundlich zu.

Ich steige aus, grüße die Leute freundlich, die sich gerade in alle Richtungen verteilen und erstaunlich schnell verschwunden sind. Von den hinteren Bänken kommt leises Protestgemoser, warum man denn ein Foto einer eingestürzten Brücke bräuchte. Wie langweilig! Schließlich ist die neue Brücke schon vorhanden und stabil. Das Gemoser erübrigt sich in weniger als zehn Minuten. In der Umgebung des abgebrochenen Brückenkopfes finden wir in kürzester Zeit ganze fünf Teppichchamäleons, eines bunter als das andere. Ein Jungtier ist fast neongrün, ein Weibchen leuchtet in allen Farben des Regenbogens. Lars und Jutta begeistern sich für ihre ersten Chamäleons auf Madagaskar, während Anna noch ihrem Gepäck hinterher trauert. Die Sonne verhilft zu einigen schönen Schnappschüssen, denn die Chamäleons wollen sich nach dem Nieselregen vom Vormittag jetzt auch endlich aufwärmen und sitzen äußerst sicht-freundlich im Gebüsch ganz oben.

Furcifer lateralis
Ein herzallerliebstes Furcifer lateralis

Eigentlich müsste ich auch mal aufs Klo. Leider ist hier weit und breit keines. Gar keines. Ich gehe einen schmalen, roten Lateritpfad nach oben, den vorhin ein paar Frauen hoch gelaufen sind. Zwischen hohen Büschen geht es an einer Stelle steil nach unten, auf eine kleine Lichtung zwischen zwei Reisfeldern. Ich suche mir eine günstige Stelle, und schrecke dabei aus Versehen ein Zebu auf, das laut muhend davon läuft. Upsi. Als ich zurückkomme, haben Markus und Martin gerade eine kleine Schlange vor der Kamera im roten Staub. Außerdem hat sich ein sechstes Teppichchamäleon eingefunden,  ohne dass jemand danach gesucht hätte – es ist sehr dunkel und bis oben hin mit Eiern voll.

Viele neugierige Madagassen bleiben bei unserem Bus stehen und beobachten, was wir da treiben. Alle haben Zeit und auf dem Boden herumkriechende Vazaha, die eine Art langen Regenwurm fotografieren, sind eine willkommene Abwechslung. Barfuß, in rudimentären Sandalen und kurzen Hosen und in dem Sonntag angemessenen Tücher gehüllt bleiben Frauen, Männer und Kinder stehen, kichern und schauen interessiert zu. Vereinzelt steigt jemand vom Fahrrad, unterhält sich kurz mit den schon Anwesenden und fährt dann weiter.

Fotografieren im Staub
Fotografieren im Staub mit Markus als Blitzhalter – Martins Unterhose habe ich aus Pietätsgründen aus dem Foto geschnitten

Zu Mittag sind wir in Ambohimahasima. Wir parken zwischen einem weißen Haus mit lila Fensterläden und einem knallgrün gestrichenen Restaurant. Ein paar Hühner mit langen Beinen flattern aufgeregt umher. Irgendwo zwitschern leise Küken, aber ich entdecke keines an der Straße. Eine kleine Herde Zebus läuft die Straße entlang, als wir uns zum Essen in das grüne Haus begeben. Es ist ein Hotely, eine madagassische Kneipe mit schneller Essensausgabe, eigentlich ein Stopp vor allem für die vielen Trucker. Der Raum ist schlicht eingerichtet, die Decke erweckt allerdings meine Aufmerksamkeit. Wie in einer Tropfsteinhöhle hängen merkwürdige Spitzen von der hellblau und rosa gestrichenen Decke. Sie scheinen aus Silikon zu bestehen… Interessant.  Alle nehmen an einem langen Tisch mit rot-blau karierter Tischdecke Platz. Es gibt Reis, Reis und Reis, wahlweise mit kleinen Portionen Gemüse, Huhn oder Zebu. Ich entschließe mich für das klassische, mit dem Beil grob zerhackte, madagassische Gummihuhn, bekomme die übliche wässrige Brühe mit undefinierbaren grünen Krümeln dazu und schaffe nur den halben Reis. Alles wie immer.

Draußen schüttet es inzwischen wieder. Selbst die Hühner haben sich unters Dach geflüchtet. Gemütlich fahren wir – nach einer kurzen Raucherpause für den einzelnen Raucher – weiter und kurven wieder durch das Hochland. Noch im Hellen erreichen wir Ranomafana. Die kurvige Straße führt uns durch den Regenwald ins Dorf; vor dem Hotel etwas hinter dem Dorf parken wir. Die Angestellten freuen sich riesig, als sie uns entdecken. „Willkommen in Ranomafana!“Erstmal gibt es ein Begrüßungs-THB und alle stoßen auf das erste „richtige“ Ziel der Reise an. Der Regen hat sich wieder zu Nieselregen gemäßigt, und Nebelwolken verhängen die Berge von Ranomafana.

Ein Huhn läuft klappernd zwischen den Büschen umher. An einem Fuß hängt ein kleiner Stock, mit einem Seil befestigt. Der Stock hindert das Huhn allerdings nicht daran, gackernd herumzulaufen und ständig irgendwo hängen zu bleiben. Der Besitzer des Tieres ist nicht in Sichtweite, und weiß vermutlich auch nicht, dass sein Huhn auf Abwegen ist.

Ranomafana
Ranomafana

Vor dem Essen steige ich die unzähligen Stufen bis zu den Bungalows nach oben, diesmal sind Tanala und ich in der 21. Wenigstens eine kurze Dusche muss sein, bevor ich die ewige Treppe wieder herunter zum Abendessen steige. Soll ja gut für die Figur sein, wenn man so viele Stufen öfter hoch- und runterläuft.

Nach dem Abendessen wuseln alle noch zum Frösche fotografieren zwischen den Bungalows herum. Es ist stockfinster, aber je eine Birne vor den Bungalows spendet schwaches Licht. Meistens findet man schon hier in den Pflanzen Tiere, zumal es heute geregnet hat und noch nass ist – optimales Froschwetter sozusagen. Markus ist keine fünf Schritte die Treppe hoch gelaufen, da findet er im braunen Geäst an der Treppe mittig einen knallgrünen Frosch. Ich erwische nur eine wenige Millimeter große Babymantide, diverse sehr junge Stabschrecken und eine Unmenge kleiner Gehäuseschnecken. Die Männer, die hier den Garten pflegen, als Wächter fungieren und zwischendurch auch Koffer tragen (Multitalente sozusagen) bringen noch einen wunderhübschen Riedfrosch. Dimby findet einen riesenhaften Boophis, und das reicht dann auch erstmal an Fotomotiven.

Boophis sandrae
Boophis sandrae

Der Nieselregen nimmt zu. Schließlich geht das Nieseln in dicke Regentropfen über, die laut prasselnd auf die Blechdächer fallen. Ich flüchte ins Bungalow, auch die anderen verschwinden nach den üblichen Gute-Nacht-Wünschen in alle Richtungen. Für heute brechen wir die Fotosession wohl ab.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 30 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.