Nordosten 2015

Der Duft der Vanille

Vanille
Ein ganzer Korb voll Vanille

Die Nacht war extrem warm bei enorm hoher Luftfeuchtigkeit. Ich habe sehr schlecht und daher auch sehr wenig geschlafen. Müde begebe ich mich zum Restaurant für ein kleines Frühstück. Danach sitzen Tanala und ich noch ein wenig an der Rezeption, um mit einer netten Frau zu quatschen. Strom und Wasser sind nämlich heute Morgen aus gewesen. Ich erfahre, dass die Wasserpumpe mangels Strom nicht funktioniert. Und Jirama hat offenbar gerade keine Lust, den Strom in der Stadt wieder anzuschalten. Auf unsere Bitte hin wird aber das Notstromaggregat des Hotels angeschaltet. Und plötzlich geht auch das Wifi wieder, und zwar richtig gut für madagassische Verhältnisse. Die Dame an der Rezeption bestätigt übrigens meine Theorie bezüglich der Katzen: Sie hat selbst beobachtet, wie etliche Katzen weiblichen Furcifer pardalis beim Eierlegen aufgelauert und sie dann gefressen haben. Deshalb gibt es hier also keine adulten Pantherchamäleons mehr. Die Phelsuma grandis haben, das ist mir gestern schon aufgefallen, auch mehrheitlich keine Schwänze mehr. Es soll rund 20 (!) Katzen allein hier im Hotel geben. Na dann gute Nacht…

Phelsuma grandis
Phelsuma grandis mit Schwanzregenerat am Bungalow

Dimby ist längt wieder unterwegs, er hat bei Air Madagascar nochmal den Flug für morgen bestätigt. Als er wiederkommt, bringt er gleich den weißen Bus samt Fahrer mit. Wer Lust hat, kann mitkommen, um eine Vanillefabrik anzuschauen. Schließlich ist Sambava Dreh- und Angelpunkt des Vanillehandels auf Madagaskar. Da muss man sich schon mal anschauen, wie die überhaupt produziert wird. Der Bus rumpelt auf die Hauptstraße, und folgt dem Weg Richtung Marojejy, wo wir gestern herkamen. An den vielen Verkaufsständen Sambavas geht es vorbei bis kurz hinter die Stadt. Unmengen Tuk-Tuks verstopfen die Straße, und auch einige der in knalligem rot und gelb angemalten Renault-R4-Taxis sind unterwegs. Taxibrousse stehen eng an eng am Straßenrand und warten auf Gäste.

Hinter der Stadt wird es grüner. Wir biegen in die betonierte Einfahrt eines großen, weiß-grau gestrichenen Gebäudes. Eine Schaukel aus einem alten Holzgerüst und Metallketten steht im Hof. Als erstes fällt mir auf: An den Säulen des Hauses stehen unzählige Schuhpaare, fast alles Flip-Flops. Auf Holzkisten und auf dem betonierten Boden sitzen viele, bunt gekleidete und gut gelaunte Frauen. Alle haben Bastkörbe voller schwarzer, saftig glänzender Vanilleschoten neben sich stehen. Der Geruch ist überwältigend. Sie nicken freundlich, als ich frage, ob ich mir das alles näher anschauen darf. Eine Hälfte der Frauen kratzt mit Teelöffeln die Vanilleschoten aus, um den sogenannten Vanillekaviar zu gewinnen. Das ist quasi die teure Variante für alle, die zu faul sind, die Schoten selbst noch auszukratzen. Es liegt soviel Vanille auf Plastikplanen und daneben, dass die Füße fast aller Frauen bereits schwarzgefärbt sind – nicht vom Schmutz, sondern vom Vanillekaviar! Das schwarze, klebrige Pulver wird dann auf Häufchen gesammelt, die später in Tüten gefüllt und verschweißt werden. Andere Frauen schnüren aus riesigen Haufen Vanilleschoten sorgsam abgezählte und in der Größe aufeinander abgestimmte Bündel.

Im Gebäude selbst stapelt sich kistenweise abgepackte Vanille an den Wänden. Regale liegen voller eingeschweißter Vanilleschoten. Auf einigen Holzkisten sitzen Männer und Frauen, die die Vanilleschoten nach Länge und Dicke an Hand einer Art hölzernen Messleiste in ihre unterschiedlichen Qualitätsstufen einteilen. Dann werden Päckchen zu je Soundsoviel Gramm geformt und mit einer Bastschnur zusammengebunden, die am Ende der Holzkisten an kleinen Metallstumpen befestigt sind. Körbeweiße dunkelschwarze Vanilleschoten stehen herum. Was hier allein für ein Geldwert gerade herumsteht, will ich lieber gar nicht wissen. Ein junger Mann erklärt uns, was wo gemacht wird und wie lange die Vanille braucht, um durch viele Prozesse überhaupt ihre schwarze Farbe zu bekommen. Geerntet wird sie nämlich grün, und selbst davor stehen noch Monate mühseliger Arbeit mit dem einzelnen Bestäuben von Vanilleblüten und der Pflege der Rankpflanzen. Ich bekomme eine Ahnung, warum Vanille so teuer gehandelt wird.

Wer will, kann sich hier direkt vor Ort aus den Körben Vanille aussuchen und luftdicht einschweißen lassen – die perfekte Lösung für den Transport, den so können die öligen Schoten nicht schimmeln. Was man in Deutschland im Supermarkt bekommt, hat wirklich gar nichts mit den wohlig duftenden, dicken und weichen Schoten zu tun, die hier für den Versand in alle Welt vorbereitet werden.

Draußen im Hof sitzt Tanala derzeit auf der Schaukel, die ganz klar zu klein für ihn ist. Wenig weiter breitet eine Frau gerade eine große, blau-graue Plastikplane auf. Darauf verteilt sie Unmengen frischer, duftender Vanilleschoten. Sie sollen in der Sonne trocknen. Auf einmal kommen eine Menge Schulkinder in den Hof. Auch sie ziehen ihre Flip-Flops aus, und so steht eine ganze Galerie buntester Plastiklatschen vor der Fabrik. Die Kinder haben gerade Osterferien, und verdienen sich hier ein paar Ariary dazu. Als sich alle reichlich mit Vanille und Fotos eingedeckt haben, treten wir den Rückweg an.

Ich schließe gerade die Tür zum Zimmer auf, als eine Frau mit einem riesigen Korb Wäsche über den Hof läuft. Sie stellt ihn an der kleinen Bar hinten im Hof ab. Ich freue mich auf saubere Wäsche, oder zumindest weniger stinkige. Leider wurde die Wäsche zwar nach Zimmern und Bungalows sortiert und beschriftet abgegeben, aber das hat die Wäscherinnen nicht daran gehindert, einfach alle Wäsche gesammelt in zwei großen Wäschekörben zurückzugeben. Also drapieren wir alle Hosen, Shirts, Socken und Pullver auf Tischen und Stühlen. Jetzt darf sich jeder „seins“ raussuchen – wohl dem, der sich vorher aufgeschrieben hat, was er in die Wäsche geben wollte. Immerhin sind die Rechnungen zimmerweise, ich zahle 21.000 Ariary für einen ganzen Berg. Mit der frischen Wäsche packe ich dann meine Tasche neu. Morgen geht es mit dem Flugzeug nach Antananarivo.

Gecko

Stefan hat heute Geburtstag, und Lore hat vorgesorgt. Nach dem Essen bekommt er eine eigens für ihn angefertigte Geburtstagstorte aus der Patisserie nebenan, mit essbaren Silberperlen und Happy-Birthday-Schriftzug. Die Torte ist lecker und fluffig, aber auch pappsüß und mit einer Menge sahneähnlichem Material hergestellt. Dazu hat Lore Glitzer-Party-Zeug auf dem Tisch verteilt – ein Geburtstag muss schließlich gebührend gefeiert werden. Oder so ähnlich. Im Gegenzug spendiert Stefan eine Flasche Dzama Cuvée noire speciale, einen feinen madagassischen Rum. Wir leeren ihn im Laufe des Abends.

Vor dem Schlafengehen dusche ich nochmal ausgiebig. Das kalte Wasser tut gut, aber danach ist schon wieder einsprühen mit AntiBrumm angesagt. Mein linker Fuß sieht inzwischen gruselig aus. Eine Zehe ist entzündet und knallrot, am Knöchel hat sich eine Mischung aus gelb-weiß-dunkelrot eingefunden. Am besten sieht noch die Wunde aus, die ich von dem rostigen Nagel davongetragen habe, die trocknet nämlich einfach und ist am Abheilen. Ich betupfe alles mit Gentamycin-Salbe.

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Veröffentlicht von Alex

Alex ist 29 Jahre alt, wohnt aktuell in Bayern und ist im echten Leben fernab des Urlaubs Tierarzt mit Faible für Reptilien. Sie fotografiert und reist gerne, und so entstand auch dieser Blog. Nebenbei hält sie selbst Chamäleons zu Hause, schreibt an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, betreibt ein kostenloses OnlineMagazin und erstellt Malbücher für madagassische Kinder.